Was vom Leben übrig bleibt ... [Triggerwarnung]

Hime

Active member
#1
Was vom Leben übrig bleibt


Vorwort:

Dieser Text beinhaltet einige meiner Kindheitserlebnisse. Wahre Begebenheiten vermischen sich mit einer fiktiven Hintergrundhandlung. Er wurde ursprünglich für einen Wettbewerb zum Thema Kindheit geschrieben, wo es nicht passt, wenn man schlecht über seine Erzeuger schreibt. Darum habe ich Shiro geschaffen.
Shiro ist sozusagen eine Art Hybrid und vereinigt sowohl meinen Erzeuger, wie einen meiner Onkel in sich. Ihn musste ich als Kind immer auf den Mund küssen, wobei er mir versuchte seine Zunge in den Hals zu schieben und mich überall zu betatschen. Beide habe ich durch ihn, in all ihrer Bösartigkeit und ihren abartigen Neigungen dargestellt.
Einige der Ereignisse stehen in teils anderen Zusammenhang und nicht jedes Detail hat seinen Weg hier rein gefunden. Meine Erfahrungen in der japanischen Familie und einer internationalen Schule, haben mich so stark geprägt, das sie zum Teil hier wieder zu finden sind. Seht es als Einblick in meine Seele und Vorstellungswelt.

Orte und Namen sind geändert. Warum Hime? Nun, weil es mein Callsign ist und es um mich geht. Meine Freundin hat mich immer so gerufen. Kamihime bedeutet große bzw. großartige Prinzessin in der alten Schreibung. Flapsig ausgedrückt dann Papierprinzessin, was deutlich besser auf mich zutrifft.

Ich hatte nie einen Stiefvater, ebenso wenig wurde ich verschleppt. Dafür war ich oft eingesperrt. Alle Misshandlungen, Verletzungen und Gefühle sind indessen echt. Auch was meine beste Freundin betrifft. Wir waren wie eine Einheit und ihr Verlust hat tiefe Narben hinterlassen.

Meine Erzeugerin ist nach einer Krankheit gestorben. Wir haben uns nie ausgesprochen. Ebenso wenig hat es meine Verwandtschaft für nötig erachtet, mich zu ihrer Beerdigung einzuladen.

Die Stelle mit dem Messer hat es so gegeben. Als er mal wieder völlig betrunken auf dem Sofa lag, habe ich überlegt es ihm einfach in den Rücken zu rammen. Nur war ich letztendlich zu feige dazu … .
Ebenso das Streitgespräch zwischen ihm und meiner Freundin, als er uns mit Blicken bedachte die ihm einfach nicht zustanden.

Ich bekam Ärger in der Schule, weil ich im Unterricht eingeschlafen bin. Was war unsere Lehrerin sauer. Überhaupt waren alle Lehrkörper sehr streng und haben kein aus der Reihe tanzen geduldet.

Einmal als mein Erzeuger mal wieder in der Wohnung randalierte, habe ich ihn gebeten damit aufzuhören, weil er mir furchtbare Angst gemacht hat. Er war für einen Moment völlig perplex, nur um dann erst richtig auszurasten. Er schrie mich an, warum ich nicht mein dummes Maul halte und schlug im gleichen Moment zu. Aus der Nase und den aufgeplatzten Lippen lief soviel Blut runter, dass mein Shirt in Sekunden rot gefärbt war.
Ich bin nicht weggelaufen, oder habe um Hilfe gerufen. Nur meine Beine gaben nach und ich blieb apathisch vor ihm auf dem Boden sitzen, während das Blut runter tropfte. Den Abend habe ich darauf gewartet dass er mich tot schlägt.

Ich war im gleichen Alter wie meine Lütte heute. Auch dieses Erlebnis findet sich in abgeänderter Form wieder.

Wie ich ihn hasse … .

Atamato Bezirk irgendwo im Norden Kobes. Hier lebt Kamihime mit ihren Eltern. Hime ist ein lebenslustiges Mädchen, dessen Fröhlichkeit in ständigem Wettstreit mit ihrem unverwechselbaren Humor steht. Zusammen mit ihrer besten Freundin Rurika durchlebt sie eine unbeschwerte Kindheit, bis zu jenem schicksalhaften Tag, an dem sich ihre Eltern trennen. Fortan ist nichts mehr, wie es war. Der neue Lebensgefährte ihrer Mutter hasst das Mädchen und nutzt jede Gelegenheit, sie zu quälen. Als ihre Mutter unerwartet stirbt, beginnt für Hime ein Martyrium. Nach Monaten des Leids an Seele und Körper gelangt Kamihime ans Ende ihrer Kräfte.
Hime hat nur noch einen Wunsch … endlich sterben zu dürfen.



Gedankenverloren blickte Hime nach draußen in die Nacht. Auf dem Glas spiegelte sich ihr blasses Gesicht wieder, während die kleinen Finger Abdrücke auf der Scheibe hinterließen. “Ob das alles ist was von mir bleibt?” Sie holte tief Luft. Eine fast schon bedrückende Stille herrschte in dem Raum, nur nahm das Mädchen keine Notiz davon. Sie genoss diese wenigen kostbaren Momente und bezog neue Kraft aus ihnen. Ruhe bedeutete Sicherheit. Keine Schläge, kein Schmerz, nichts was sie bedrohte. Dunkelheit und die damit verbundene Einsamkeit waren schon lange nichts mehr, wovor Kamihime sich fürchtete. Es gab ganz andere furchtbare Dinge, die ihrem geschundenen Körper fast täglich zugefügt wurden. Ein Knurren in der Magengegend erinnerte sie daran, welch schrecklichen Hunger sie hatte, doch besaß sie nichts, um ihn zu stillen. Erschöpft sank das Mädchen auf die Knie und wartete …


1 Jahr zuvor …

Hime saß zusammen mit ihrer Freundin auf einer abseits gelegenen Bank der Hitori Mittelschule. Trotz der vielen Schüler herrschte eine fast friedvolle Atmosphäre, die durch die wärmenden Strahlen der Herbstsonne noch verstärkt wurde. Während sie das quirlige Treiben auf dem Schulhof beobachteten, stieg dem Mädchen ein vertrauter Geruch in die Nase.
Rurika roch zumeist nach Myoga und Yuzu, wie Hime auch heute wieder fasziniert bemerkte. Sie musste grinsen bei der Vorstellung, dass sie ihre Freundin im wahrsten Sinne des Wortes gut riechen konnte.
“Was hast du? Ist irgendetwas mit mir?” Rurikas dunkle Augen ruhten auf ihr und versuchten, den Grund ihrer Heiterkeit zu erkennen.
“Du bist meine allerbeste Freundin!”, erwiderte Hime, während Glücksgefühle ihren Körper durchströmten.
“Das weiß ich doch, Hime.”
“Versprichst du mir eines?”
“Was immer du möchtest.”
“Das du mich nie im Stich lässt.”
Rurikas Mundwinkel verzogen sich für den Bruchteil eines Wimpernschlags.
“Warum sollte ich so etwas Schreckliches tun? Aber gut. Ich verspreche es dir, Hime. Ist schon komisch. Wie kann man solche trübsinnigen Gedanken an so einem wundervollen Tag haben?”
“Weil ich dich liebe!”
Rurikas Augen spiegelten deutlich ihre Verwunderung wieder. “Aber Hime … wir beide sind Mädchen … .”
“Nicht was du denkst, Dummchen. Es ist nur so: In deiner Gegenwart fühle ich mich einfach geborgen.”
“Ach und ich dachte, ich bin wieder das Ziel eines deiner Scherze.”
“Mit meiner Zuneigung mache ich niemals Streiche, Rurika!”
Bevor sie es verhindern konnte, überkam sie der unwiderstehliche Drang zu gähnen.
“Wie soll ich denn das jetzt bitteschön wieder deuten?”
“Entschuldige Rurika, meine Eltern haben sich die ganze Nacht gestritten und ich habe kein Auge zubekommen. Ich bin todmüde.”
“Das machen sie jetzt wohl öfter. Hattest du mir das nicht erst vor ein paar Tagen erzählt, als du im Unterricht fast eingeschlafen bist?”
Vor ihr lief die Situation gleich einem Film. Die Lehrerin, deren Gesicht sie tadelnd ansah. Das Gelächter ihrer Mitschüler und als wäre das nicht schon Strafe genug, auch noch ein Verweis.
“Ja. Ich verstehe es auch nicht. Wenn sie nur damit aufhören würden. Wo soll das noch hinführen?”
“Erwachsene sind nur schwer zu verstehen. Gib ihnen Zeit. Vielleicht haben sie gerade furchtbaren Stress im Beruf oder so. Mein Vater war genauso, als er befördert wurde. Eine Zeitlang war es besser, ihn einfach nicht anzusprechen. Irgendwann ist er mit der Belastung klargekommen und alles hat sich gelegt.”
Hime seufzte auf. “Hoffentlich hast du recht. Ich habe beide total lieb und wüsste nicht, was ich machen sollte, wenn sie sich trennen.”
Im Hintergrund erklang die Glocke und mahnte alle Schüler, sich wieder zum Unterricht einzufinden.
“Komm Hime, die letzte Stunde überstehen wir auch noch. Wenn du möchtest, können wir danach ein Eis essen gehen. Oder bist du dafür zu müde?” Rurika ließ ein herausforderndes Grinsen sehen.
“Du bist gemein, Rurika!” Hime verpasste ihr einen Kniff in den Po, während sie ihrer aufquietschenden Freundin zum Schulgebäude nacheilte.

Das Zuschlagen einer Tür riss Kamihime in die grausame Wirklichkeit zurück.
“Wo bist du, kleines Miststück? Wenn ich dich suchen muss, kannst du etwas erleben!”
Sie verstand die folgenschwere Bedeutung dieser Worte mehr als ihr lieb war. Einmal hatte sie sich im Kleiderschrank versteckt, in der Hoffnung so ihrer Bestrafung zu entgehen. Doch das hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Tagelang hatte sie danach weder richtig liegen noch sitzen können. Nun war er überraschend früher als sonst nach Hause gekommen und sie hatte den Abwasch nicht gemacht. Es schlicht und ergreifend vergessen. Ein Schatten fiel auf sie und im gleichen Moment streifte der beißende Geruch von billigen Schnaps ihre Nase. Hime kannte es nicht anders. Wie jeden Tag hatte er sich wieder hemmungslos betrunken.
“Bitte lass ihn gleich einschlafen, bevor er wütend wird.” Beinahe unbewusst hatte sie ihre zierlichen Finger zu einem stillen Gebet geformt, wohl wissend, dass es nichts ändern würde. Ein ziehender Schmerz an ihrem Ohr bestätigte diese Vermutung aufs äußerste.
“Hast wieder den ganzen Tag herumgefaulenzt, was? Warte! Stell das in die Küche und dann komm her, damit ich dir das Fell gerben kann. Ich werde dir schon noch Zucht und Ordnung beibringen!”
Sie nahm den Beutel in Empfang, doch ihre Finger wollten vor Angst das Gewicht nicht fassen, obwohl er nicht mal besonders schwer war. Aus den Augenwinkeln sah sie erschrocken, wie er seinen Gürtel abzog.


8 Monate zuvor …

Von ihrem kleinen Dachfenster aus beobachtete Hime, wie der Umzugswagen seine Türen schloss, gleich einem riesigen Maul, das alles verschluckte. Nur handelte es sich dabei um einen Teil ihres bisherigen vertrauten Lebens oder das ihres Vaters. Immer noch fiel es ihr schwer, zu begreifen, was geschehen war. Sie rannte die schmale Treppe hinunter ins Erdgeschoss und erreichte die Haustür gerade in dem Moment, in dem ihre Mutter den Fahrer verabschiedete.
“Das kann doch alles nicht wahr sein.” Hastig schlüpfte sie in ihre Schuhe, während vor dem Haus der schwere Motor des Transporters anlief.
“Meine Jacke, wo …“, sie riss sie fast vom Garderobenhaken und stürzte hinaus.
“Hime! Wo willst du denn noch hin? Wir essen bald zu Abend.”
“Ich muss noch ein Schulheft von Rurika holen Mutter. Fang schon an, ich bin rechtzeitig wieder zurück.”
“Hime … .”
Sie ignorierte den letzten Ausruf. Zuviel ging in ihrem Kopf herum. Dinge, die sie nicht verstand, oder gegen die sich alles in ihr sträubte sie zu verstehen.
Ihr Fahrrad mit dem in allen Farben leuchtenden Stahlrahmen lehnte wie immer an der Hauswand. Hier in der Gegend achteten die Leute aufeinander und Diebstähle gab es so gut wie nie. Zumindest hatte sie nichts davon vernommen. Das Gestell quietschte als sie sich viel zu heftig drauf schwang und dabei mit dem Fuß von der Pedale rutschte. “Mist.” Erneuter Versuch. Nun fand sie endlich ihr vor Aufregung gestörtes Gleichgewicht. In wilder Fahrt flitzte sie die Straße herunter, was ihr teils harsche Bemerkungen ihrer Nachbarn einbrachte. Rurika wohnte nur einen Block weiter und sie war sicher, sie um diese Zeit zu Hause anzutreffen. Das Quietschen der Bremsen tönte die Auffahrt entlang. Hime ließ ihr Rad zu Boden gleiten und stürmte auf die schmale Wohnungstür zu, auf der in glänzenden Zeichen der Familienname Rurikas vermerkt war. Ihr Finger näherte sich der Klingel. Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür und ihre Freundin grinste ihr entgegen. “Hime!”
“Woher wusstest du, dass ich hier bin?”
“Na, ich schätze mal, dass es nicht viele Leute gibt, die um diese Uhrzeit über unsere Einfahrt brettern, als sei ein Dämon hinter ihnen her. Also was möchtest du? Etwas von dem Kuchen meiner Mutter? Pyjamaparty? Mir sagen, wie unwiderstehlich du mich findest und dass du es nicht ausgehalten hast, bis wir uns morgen in der Schule wieder sehen?”
“Nein! Ich meine … das trifft es alles nicht so ganz.” Hime wirkte etwas desillusioniert. “Kannst du mich begleiten?”
“Jetzt? Ich weiß nicht. Warte einen Moment.” Rurika verschwand und sie hörte Stimmengewirr aus dem Innern. Im nächsten Moment tauchte ihr Kopf mit der schwarzen Mähne wieder auf. “Okay, wir können los. Ich habe meiner Mutter gesagt, dass du mich zum Abendessen eingeladen hast. Das hast du doch oder?”
Hime konnte nicht anders, als grinsend den Kopf zu schütteln. “Wirklich, Rurika. Manchmal bist du unmöglich.”
“Also was machen wir nun?”
Hime sagte ihr einen Straßennamen in der Hoffnung, dass Rurika etwas damit anfangen konnte.
“Da willst du jetzt noch hin? Gibt es einen Grund dafür? Das ist ganz schön weit, fast schon am Stadtrand.”
Hime beschloss, ihrer Freundin die Wahrheit zu sagen. Irgendwann würde sie es erfahren und da war es besser, wenn sie es ihr selbst sagte.
“Er ist ausgezogen? Veralberst du mich auch nicht? Was für Neuigkeiten. Das muss ich gleich meiner Mutter erzählen!”
“Rurika bitte!”
“Entschuldige. Ich habe doch nur Spaß gemacht. Aber aufregend ist es trotzdem.”
“Findest du? Ich bin darüber sehr traurig.”
“Er ist ja nicht aus der Welt und du kannst ihn jeden Tag besuchen, wenn es dich danach verlangt, oder hat es dir deine Mutter verboten?”
Kamihime schüttelte den Kopf.
“Na siehst du, dann ist doch alles in Ordnung. Also los. Beeilen wir uns besser, sonst sind wir um Mitternacht noch nicht zurück.”
In halsbrecherischen Tempo jagten beide Mädchen auf ihren Rädern durch die Vorortbezirke der Großstadt.
“Die nächste Abzweigung müssen wir rein, Hime.”
“Bist du dir sicher? Ich weiß langsam nicht mehr, wo wir sind.”
“Wenn die Adresse stimmt, die du mir gesagt hast, dann sind wir hier richtig.”
Kurz darauf atmete Hime erleichtert aus. Da war es. Ein unscheinbares Häuschen, wie so viele hier in der Gegend, vor dem verlassen der Transporter stand.
“Da ist kein Name an der Tür, aber die Nummer der Teilparzelle ist korrekt. Klingel mal. Na los. Oder muss ich das auch noch übernehmen?”
“Aber was ist … .”
Rurika grinste sie an. “So viele Leute werden heute Abend schon nicht umziehen.”
Bevor Hime es verhindern konnte, drückte Rurika auf den Knopf und ein melodischer Ton erklang. Mit offenem Mund wartete Hime, doch es passierte nichts.
“Sie sind wohl etwas essen gegangen. Hör mal: es ist schon spät. Sollen wir nicht zurückfahren? Du weißt ja nun, wo es ist. Wenn du möchtest, kommen wir morgen noch mal her, am besten gleich nach der Schule.”
Enttäuscht schwang sich Hime erneut auf ihr Fahrrad und folgte Rurika zurück in die in der Ferne aufragende Innenstadt Kobes.

Hime betrachtete das kleine Küchenmesser und zögerte einen Moment lang. Sie konnte ihn töten, wenn er wieder betrunken war. Der Gedanke daran hatte etwas beruhigendes, ebenso wie er sie zutiefst erschreckte. Eine Weile hatte sie überlegt, sich die Pulsadern aufzuschneiden, wie sie es einmal in einem Film gesehen hatte. “Nein. Wenn du das tust, gibt es für dich keine Rettung mehr und du siehst Mutter nie wieder.” Seufzend legte sie das Messer zurück in die Schublade. Die Monotonie ihres täglichen Daseins war ebenso erdrückend wie die Angst vor ihrem Peiniger. Es gab nichts, womit sie sich beschäftigen oder ablenken konnte. Gerne hätte sie den Wind auf ihren Wangen gespürt, doch in dieser Höhe ließen sich die Scheiben nicht öffnen und ein internes System übernahm die Funktion des Luftaustausches.
So blieb ihr nichts anderes übrig, als stundenlang aus dem Fenster zu sehen und zu warten, bis er wieder heimkam und das Martyrium ihrer Furcht in eine weitere Runde ging.


6 Monate zuvor …

Traurig betrat Hime ihr Zuhause. Immer und immer wieder hatte sie versucht, ihren Vater anzutreffen, so wie diesen Nachmittag. Doch nie hatte ihr jemand geöffnet und auch ihre telefonischen Nachrichten blieben unbeantwortet. Die aufgeregte Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihrer Lethargie.
“Sieh mal Schätzchen, wer zu Besuch gekommen ist. Das ist Shiro. Er wird jetzt bei uns wohnen. Sei nett zu ihm, Hime. Shiro hat versprochen, dich wie eine eigene Tochter zu lieben.”
“Na, komm schon her. Hast du nicht gehört, was deine Mutter grade gesagt hat oder muss ich dir erst eine knallen, damit die Ohren frei werden?”
Hime gehorchte und trat artig an ihn heran. Unangenehm stieg der Geruch von Alkohol zu ihr auf, als sie sich über ihn beugte um ihm einen Begrüßungskuss zu geben. Eine Hand packte sie und hielt sie am Nacken, während er ihr Gesicht näher an sich heranzog.
“Los, mach endlich und zier dich nicht so. Gib deinem neuen Vater einen Kuss.”
Ein Flüstern an ihrem Ohr.
“Benutze ruhig deine Zunge. Ich fahr total darauf ab.”
Himes Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sie sich losriss. Noch in der Drehung erhielt sie einen derben Klatsch auf ihren Hintern.
“Deine Tochter ist ja ein richtiges Prachtstück. Kaum zu glauben, dass du sie all die Jahre vor mir verborgen gehalten hast.”
Das kichern ihrer Mutter hallte durch den weitläufigen Raum. “Schön, dass ihr euch so gut versteht. Ich bin mir sicher, sie wird dir noch viel Freude bereiten, nicht wahr, Hime?”
Erst wollte sie sich auflehnen, doch der Blick ihrer Mutter ließ jeden Widerstand dahinschwinden. In letzter Zeit ging es ihr nicht gut. Schwächeanfälle wechselten mit ernstzunehmenden Ohnmachten ab und Hime begann, sich Sorgen zu machen.
“Wie ihr es wünscht, Mutter. Ich werde euch nicht enttäuschen.”
“Na das hoffe ich doch sehr. Schließlich werden deine Mutter und ich heiraten.“
“Ihr wollt was?“ Shiro erwiderte nichts, doch sein heimtückischer Blick ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.


4 Monate zuvor …

Bald nach der Hochzeit war ihre Mutter gestorben. Sie lag in ihrem Bett und wollte einfach nicht mehr aufwachen, so sehr sich Hime auch bemühte. Von da an wurde ihr Leben unerträglich. Hatte ihre Mutter Shiro immer wieder Einhalt geboten, so gab es nun niemanden mehr, der sich schützend zwischen sie und seine unkontrollierbaren Gewaltausbrüche stellen konnte. Immer öfter erteilte er ihr Hausarrest und schloss sie in ihrem Zimmer ein. Mittlerweile litt die Schule darunter, obwohl sie eine gute und fleißige Schülerin gewesen war. Selbst die Besuche bei ihrer Freundin wurden ihr verboten. Manchmal durfte sie vor dem Haus spielen oder einfach nur ihren Gedanken nachhängen und Hime klammerte sich dankbar wie an einen Strohhalm an diese kleinen Freiheiten. Nichts war mehr selbstverständlich, was sie einst in glücklicheren Tagen getan hatte. Immer häufiger fragte sich Hime, warum er sie so hasste, oder was sie Unrechtes getan hatte, doch sie fand keine Antwort darauf.

Hime kratze den Topf aus und ließ die Reste geschickt in ihrem Mund verschwinden. Es war ihr wie ein lieb gewonnenes Ritual geworden, eine Mechanik zum Überleben, da sie sich nicht selbst richten konnte. Ständig erinnerte sie sich an die Worte ihrer Mutter, bevor sie starb. Irgendwann sehen wir uns wieder, kleine Hime. Ich werde im Himmel auf dich warten. Manchmal überkamen sie leise Zweifel, ob es wirklich stimmte. Rurika hatte auch versprochen, sie niemals im Stich zu lassen und war nie zurückgekommen. Schnell leckte sie den Löffel ab, bevor alles ins Abwaschbecken wanderte. Es war besser, wenn er nichts merkte. Wenn sie nur nicht immer solchen Hunger gehabt hätte. Manchmal wachte sie vor Schmerzen auf. Ein paar Schlucke Wasser mussten dann reichen, um ihren Magen wieder zu beruhigen. Rurika. Ihre Gedanken kehrten zu ihrer geliebten Freundin zurück und beinahe unbemerkt stahlen sich Tränen in ihre Augen.


3 Monate zuvor …

Rurika nahm ihr Gesicht in beide Hände und blickte sie traurig an. “Hey … was ist denn mit dir?”
“Was soll mit mir sein?”
“Na, deine ganze Art und so. Ich vermisse das kleine Mädchen mit dem niedlichen Lächeln. Du warst immer zu Späßen aufgelegt und nun … sieh dich doch nur an. Wie ein Zombie, ohne jegliches Gefühl. Du redest wie Hime, du hast auch ihre Augen, aber du bist es nicht mehr.”
“Erzähle keinen Unsinn!”
“Das ist kein Unsinn. Hime, bitte. Was ist denn nur geschehen? Wenn dich etwas bedrückt, kannst du mir alles sagen.”
“Es ist nichts. Du bildest dir das nur ein.”
“Ach ja? Nun, ich habe nicht das Gefühl, dass alles mit dir in Ordnung ist. Ganz und gar nicht. Kleine Seelen brechen leicht.”
“Was meinst du?”
“Mein Vater sagt das immer. Dass wir empfindlich sind und es seine Pflicht, die meiner Mutter und aller Eltern ist, ihre Kinder zu beschützen, bis sie soweit gefestigt sind, im Leben klar zu kommen.”
Hime starrte auf ihre Füße. Ihr ganzer Körper schmerzte und es fiel ihr schwer, sich vor Rurika nichts anmerken zu lasen. Du darfst sie da nicht mit reinziehen. Stattdessen griff sie nach ihrer Hand. Es tat so unendlich gut, wieder mit jemanden zu sprechen und die vertraute Nähe ihrer geliebten Freundin zu spüren.
“Was sagt dein Vater denn noch?”
Rurika verharrte und ließ ihren Blick musternd über sie streifen. “Wenn ein Mensch eines anderen Seele verletzt oder sogar zerstört, kann er um Gnade bitten. Sei es, dass er in einer ausweglosen Situation war, oder nicht mehr Herr seiner Sinne. Einzig Gott entscheidet dann, ob er es Wert ist, gerettet zu werden. Zerbricht er indessen die Seele eines Kindes, gibt es keine Vergebung! Niemals!” Rurikas Atmung ging schneller. “Also was ist nun? Gibt es nichts, was du mir sagen möchtest? Hab keine Angst, was immer es ist. Meine Lippen sind versiegelt wie ein Grab“, sagte Rurika und legte einen Finger darauf.”
“Bitte, ich … ich kann es dir nicht sagen.”
“Schon gut. Entspann dich. Sieh mal hier. Das hast du doch immer so gemocht.” Rurika holte glänzende Bögen aus ihrer Tasche hervor und Hime warf einen traurigen Blick darauf. Sie kannte sie nicht anders, als das ihre Freundin etwas faltete. Darin war sie ein richtiges Naturtalent. Hime hatte es selbst mal versucht, war aber immer wieder gescheitert.
“Was soll ich dir basteln?”
Sie sah sich flüchtig um und zuckte mit den Schultern.
“Ach, ich weiß etwas, das dir Freude bereiten wird. Warte kurz.” Geschickt formten ihre Finger aus dem vormals schlichten farbigen Blatt einen wunderbaren Vogel.
“Gefällt er dir?”
Nicken, wobei Himes Blicke erneut zur Haustür huschten.
“Was siehst du denn ständig zum Haus?”
Das Mädchen hielt erschrocken inne, als sich die Tür knarrend öffnete. Rasch ließ sie den kleinen Papiervogel in einer winzigen Seitentasche ihres Rockes verschwinden.
“Hime … du zitterst ja. Ich werde nicht eher gehen, bis … .”
“Bis ich dich fortgejagt habe!”
Beide Mädchen fuhren herum und sahen dem Neuankömmling entgegen.
“Das ist mein Grund und Boden und solltest du nicht weg sein, bis ich bis drei gezählt habe, bekommst du eine Abreibung von mir, die du nicht wieder so schnell vergisst.” “Bitte Rurika, tu was er sagt! Es ist besser für uns beide!”
“Ein kluges Mädchen. Sie weiß, was gut für sie ist, doch wie steht es mit dir?”
“Vergiss es, du Mistkerl! So schnell wirst du mich nicht los, nicht, bevor ich erfahren habe, was du mit Hime machst!”
“Wie ausgesprochen dumm von dir. Bedeutet dir deine kleine Freundin denn so wenig? Wenn du mich wütend machst, wird sie es ausbaden müssen und wie sehr ich ihr wehtue, liegt ganz allein bei dir.”
“Fick dich!”
“Bitte geh, Rurika!”
“Schon gut. Ich gehe. Mach dir keine Sorgen, Hime. Ich hole Hilfe!”
Sie spürte, wie sie gepackt und zum Haus gezerrt wurde. “Rurika!” Tränen rannen nun über ihr Gesicht und in einem letzten verzweifelten Versuch schrie sie. “Bitte Rurika, was immer passiert, vergiss mich nicht!” Eine Hand presste sich auf ihren Mund und ließ sie verstummen.

“Was soll das? Du nimmst nichts mit!” Er schlug ihr den Beutel aus der Hand. Benommen bückte sich Hime danach, um ihre Sachen aufzusammeln.
Ein weiterer Schlag traf sie und ließ sie im Staub landen. Gleichzeitig sah sie aus ihrer nun seltsamen Perspektive dabei zu, wie er mit seinen Stiefeln auf ihren letzten Erinnerungen herumtrampelte.
“Das brauchst du alles nicht mehr, hast du mich nicht verstanden? So und nun komm. Besser wir vertrödeln keine unnötige Zeit, bevor deine Schlampe von Freundin noch jemanden hierher schickt, um nach uns zu sehen.”
Hart packte er ihren Arm, dass sie vor Schmerz fast aufgeschrien hätte. Wie einen Sack fühlte sie sich zur Tür geschleift, die er mit einen Tritt aufspringen ließ. Kühle Abendluft drang ins Haus und streifte angenehm über ihre geschwollenen Wangen. Vor ihr tauchte im halbdunkel der Wagen auf. Gleichzeitig fühlte sie sich angehoben und unsanft auf die Rückbank verfrachtet.
“Bleib da liegen und rühr dich nicht. Es wird nicht lange dauern.”
Kurz darauf setzte sich das Gefährt in Bewegung. Aus ihrem eingegrenzten Blickwinkel sah sie die Lichter der Straßenbeleuchtung vorbeiziehen. Erst langsam, dann immer schneller, bis sie wie ein gleißendes Band wirkten. Etwas griff wie eine Stahlklammer nach ihrem Herzen. Was meinte er damit, dass es nicht mehr lange dauern würde und warum hatte sie nichts mitnehmen dürfen? Panische Angst stieg in ihr hoch und raubte ihr den Atem. Wohin brachte er sie? War das das Ende? In ihrer Verzweiflung faltete Hime mit tränennassem Gesicht die Hände und fing an zu beten …

Erneut fuhr das mittlerweile stumpfe Messer kratzend die Wand lang und hinterließ eine weitere Narbe. Eine Kerbe für jeden Tag in dieser Hölle, die sie nun ihr neues Zuhause nennen musste. Irgendwo hatte sie mal einen Bericht gelesen, dass Strafgefangene mitunter so ihre Zeit versinnbildlichten, die sie absaßen und nichts anderes war sie: Eine Gefangene, ohne Hoffnung, jemals die Freiheit wieder zu erlangen.


2 Monate zuvor …

Hime trat aus dem winzigen Bad und griff nach ihrer Kleidung. Alles war verdreckt und die Vorstellung, wieder in die jämmerlich riechenden Sachen steigen zu müssen, erfüllte sie mit Abscheu. Doch es half nichts. Gerade als sie den Rock überstreifen wollte, blieb ihr das Herz stehen. Rurikas kleiner Vogel war herausgerutscht und leuchtete ihr in all seiner Pracht entgegen.
“Hier bist du nicht sicher. Ich brauche ein anderes Versteck.” Sie sah sich in der Wohnung um und wurde an einer Stelle neben ihrer Schlafstatt fündig.
Vorsichtig entfernte sie die Leiste und betrachtete den winzigen Hohlraum dahinter. Nicht perfekt, doch es würde reichen. Glücklich, einen Ort gefunden zu haben, der seinen Blicken bisher verborgen geblieben war, steckte sie Rurikas kleines Kunstwerk in die Öffnung. Beinahe sanft setzte sie das Holz wieder darauf, überprüfte aufgeregt, ob etwas zu entdecken war und lehnte sich dann glücklich schnaubend gegen die Wand. Geschafft! Das würde er ihr nicht wegnehmen. Eine Erinnerung an die Welt da draußen, die sie schon so lange nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.

Stumm sah sie zu, wie der Regen gegen die Scheibe prasselte. Lange Bahnen auf das Glas zeichnend, rannen die Tropfen herunter und vermischten sich mit dem Spiegelbild der Tränen auf ihren Wangen. Immer heftiger wurde der Wolkenbruch, doch Hime starrte nur darauf wie auf einen vertrauten Freund. Eine Weile hatte sie sich gefragt, warum sie immer noch weinen konnte. Ihr Blick streifte wieder über das Häusermeer. Von hier oben sahen die Autos in den Straßen so winzig aus. Am liebsten schaute sie Nachts aus dem Fenster, wenn er seinen Rausch ausschlief und die Großstadt langsam zur Ruhe kam. Das bunte Funkeln der unzähligen Lichter erinnerte sie schmerzlich daran, dass es noch ein Leben außerhalb ihres unfreiwilligen Gefängnisses gab. Früher hatte sie immer auf einen tollen Freund mit einem großen Haus gehofft, indem sie eine Familie gründen konnte. Nun war das einzige, was sie herbeisehnte, noch einmal Rurikas Lächeln sehen zu dürfen, oder nachmittags mit ihr auf irgendeiner Parkbank zu plaudern, wie in vergangenen Zeiten. Ein wehmütiger Ausdruck verzerrte ihr Gesicht. Es war erstaunlich, wie klein ihre Wünsche geworden waren und wie wenig gereicht hätte, um sie glücklich zu machen.


Jetzt …

Sie starrte verzweifelt auf die Reste der kleinen Faltarbeit, welche sie in Sicherheit geglaubt und die ihr letztes Verbindungsglied an ihr voriges Leben gewesen war.
“Hast du gedacht, ich merke nicht, dass du mich verarscht?”
“Bitte, ich wollte wirklich nicht … .“
“Halt deine Klappe und komm her, du verdammtes Miststück oder muss ich dich selbst holen?”
Hime schüttelte den Kopf und trat zitternd Schritt für Schritt vor. Vorbei! Nun ist alles aus! Eine unsichtbare Klaue griff nach ihrem Hals, drückte ihr die Luft ab und ließ sie am ganzen Körper zittern. Ihre Knie fühlten sich in ihrer Angst an wie Gummi und jeden Augenblick erwartete sie einfach einzuknicken. Sie bemerkte die Mordlust in seinen Augen und wollte schreien, ihrer Verzweiflung Luft verschaffen, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Immer weiter näherte sie sich tapsend ihrem Peiniger. Etwas Warmes lief ihre Beine hinunter und erschrocken stellte Hime fest, dass sie sich eingenässt hatte. In dem Moment traf sie ein mörderischer Schlag. Alles um sie herum begann sich zu drehen. Sie passierte einen Beistelltisch, welcher der Kraft ihres Ansturms nichts entgegenzusetzen hatte, bevor sie in ein Regal krachte. Ein reißender Schmerz durchzuckte ihren Arm bis tief in die Schulter, doch Hime bemerkte es schon nicht mehr. Ihr wurde schwarz vor Augen und eine gnädige Ohnmacht schloss sie in ihre Arme.

Hime erwachte mit dem Gefühl, sich erbrechen zu müssen. Schlieren tanzten vor ihren Augen, bis sich ihr Gesichtsfeld soweit geklärt hatte, dass sie wieder Eindrücke verarbeiten konnte. Das war nicht der Himmel. Sie war immer noch in diesem Raum, von dem sie nicht wusste, wo er in der Stadt lag. Langsam kehrte die Erinnerung zurück und mit ihr kam die Panik wieder. Wo war … . Da lag er. Regungslos. Hime versuchte, sich zu erheben und stieß einen gellenden Schmerzensschrei aus. Ungläubig blickte sie auf ihren Arm, der nicht mehr ihren Befehlen gehorchen wollte. Sie versuchte vorsichtig den anderen und atmete erleichtert auf. Es ging. Ihre Finger reagierten. Wieder fiel ihr Blick auf Shiro. Warum rührte er sich nicht? Erst jetzt sah sie die dünne Blutlache an seinem Kopfende. War er tot oder nur bewusstlos? Seine Trunkenheit musste ihm zum Verhängnis geworden sein. Anders konnte es sich Hime nicht erklären, dass sie immer noch lebte. Die Tür. Vielleicht war das die einmalige Chance auf die sie nicht mehr zu hoffen gewagt hatte? Schwerfällig, beinahe wie in Zeitlupe tastete sie sich voran. Zitternd griffen die kleinen Finger nach dem Knauf und wollten ihn aufziehen. Nichts. Angst erfasste sie. Noch mal. Sie rüttelte verzweifelt daran. Es ging nicht. Abgeschlossen. Hime blickte zurück auf die Gestalt am Boden, die sich immer noch nicht rührte. Er musste den Schlüssel haben. Tief atmete sie durch und versuchte, ihrer Angst Herr zu werden. Sie schritt durch den Raum näher an ihren Stiefvater heran. Der Geruch nach Schweiß und Alkohol stieg Hime in die Nase und verstärkte ihre Übelkeit. Es half alles nichts. Sie musste nachsehen. Jede Bewegung tat ihr weh und obwohl sie sich Mühe gab, schien ihr kaputter Arm ein Eigenleben zu entwickeln. Welle um Welle stechenden Schmerzes jagte durch den schmächtigen Körper. Vorsichtig griff sie in die Hosentasche. Eine Brieftasche trat zutage, aber nichts, was ihr den Weg in die Freiheit geebnet hätte. Shiro bewegte sich, blieb dann jedoch wieder ruhig liegen. Eine krächzende Stimme brabbelte vor ihr.
“Ich komme gleich zu dir, du verdammtes Miststück! Nur einen kleinen Moment, dann bin ich wieder auf den Beinen!”
Hime erstarrte. Er war nicht tot. “Beeil dich. Er muss ihn irgendwo haben.” Die Angst feierte Triumphe in ihrem Schädel und machte es ihr schwer, logisch zu denken. Wieder drangen ihre zarten Finger in das Innere einer Tasche. Metall. Sie konnte ihr Glück nicht fassen. Rasch schloss sich ihre Hand darum. “Bitte lieber Gott, lass es den Schlüssel sein.” Strahlend zog sie den Schlüsselbund hervor. Nun hielt sie nichts mehr. Während hinter ihr Geräusche erklangen und zeigten, dass ihr Stiefvater dabei war, sich wieder aufzurappeln, hetzte sie zur Tür. Das Metall rutsche ins Schloss. Eine zitternde Drehung und … sie war frei! Vor ihr breitete sich der dunkle Schacht des Treppenhauses aus. Seitlich leuchteten die Lichter eines Fahrstuhles, doch Hime stürzte schon die ersten Stufen hinab. Keine Zeit, auf ihn zu warten. Oberhalb klang nun das Keifen Shiros zu ihr. Er war wieder auf den Beinen und musste bemerkt haben, dass sie fort war. Hime flog von Absatz zu Absatz, immer von der Angst begleitet auszurutschen. Endlich erreichte sie die letzte Ebene. Vor ihr drang das helle Licht der Straßenbeleuchtung durch die gläserne Front des Eingangs und beflügelte ihre Lebensgeister. Das Mädchen stolperte aus der Tür und wurde von den Geräuschen der Stadt in Empfang genommen. Weinen und Lachen wechselten miteinander, als sie die Straße herab rannte. Weg! Nur weg, soweit sie ihre Füße tragen konnten.

Hime wusste nicht, wie lange sie schon durch die mittlerweile leeren Straßen lief. Mit der Zeit hatte sie sich versucht zu orientieren und erschreckt festgestellt, dass sie nur einen Stadtteil vom Haus ihres Vaters entfernt gefangen gehalten worden war. Es musste weit nach Mitternacht sein, als sie das Gebäude erreichte. Alles war dunkel. Keine Gardinen vor den Fenstern oder sonst ein Lebenszeichen. Sie klingelte. Wieder und noch einmal. Nichts. Hoffnungslos.
Müde legte sie sich ins Gras. Mochte jemand denken, was er wollte, wenn er sie so fand. Es war ihr gleich. Ungewohnt fühlte sich der Untergrund an, doch nicht härter als ihre Schlafstatt, die sie bisher ihr Eigen nannte. Ihr weiter Mantel bildete einen brauchbaren Ersatz für ihre derbe Decke, die sie zurückgelassen hatte. Brennender Schmerz zog durch ihren Arm, während sie versuchte, die richtige Position zu finden. Sie verdrängte ihn. Auch er war nichts mehr, was ihr nicht vertraut geworden wäre. Doch etwas war anders als sonst. Obwohl unter freien Himmel, fühlte sich Hime zum ersten Mal sicher. Eine Weile lauschte sie den völlig andersartigen Geräuschen, bis sie vor Erschöpfung einschlief.

Früh am Morgen wurde sie von zwei Nachbarn geweckt, die wohl auf das junge Mädchen im Vorgarten aufmerksam geworden waren.
“Matsaharu sagst du? Ja ich erinnere mich. Der hat hier nur ein paar Wochen gewohnt. Glaube nicht, dass er überhaupt etwas ausgepackt hatte, so schnell wie er wieder verschwunden ist.”
Hime starrte fassungslos in das Gesicht des Mannes. Vorbei. Du bist zu spät gekommen. Wie durch einen Nebel drang die Stimme an ihr Ohr.
“Mädchen? Alles in Ordnung mit dir? Du bist so schrecklich blass.”
“Fass sie nicht an! Vielleicht ist sie krank und wie sie überhaupt riecht. Wer weiß, wie lange sie sich schon auf der Straße herumtreibt.”
Hime hörte die Worte aber reagierte nicht. Allein. Jetzt bin ich völlig allein. Was sollte nun werden? Wo sollte sie hin? Rurika. Sie erinnerte sich. Ihre Freundin. Vielleicht hatte sie Glück.
“Könnten sie jemand für mich anrufen? Bitte. Es ist wirklich wichtig.”
“Scher dich fort, du nichtsnutziges Ding!” Hime wollte sich schon verzweifelt auf den Weg machen, da gebot der Mann seiner herrischen Frau Einhalt. “Jetzt warte, Liebling. Ein Anruf ist doch nicht zuviel verlangt. Ist es hier in der Stadt?”
Hime nickte erleichtert und versuchte, sich an die Nummer zu erinnern. Kurz darauf erklang eine vertraute fast schon hysterische Stimme durch das Telefon. Rurika. Ihre geliebte Rurika!

Langsam fuhr der Wagen durch das frühmorgendliche Kobe. Rurikas Vater lenkte das geräumige Fahrzeug sicher durch die Häuserschluchten, während ihre Mutter ihr immer wieder besorgte Blicke zuwarf.
“Wir bringen dich erstmal zu einem Arzt und danach kommst du zu uns. So mutterseelenallein kannst du nicht mehr nach Hause.”
“Lass sie in Ruhe, Mutter! Siehst du nicht, wie es ihr geht? Allerdings waschen müsste sie sich wirklich.” Rurika rutschte näher an sie heran und legte einen Arm um sie.
“Hime … dass du noch lebst. Unzählige male bin ich zu eurem Haus gegangen, doch da war niemand mehr. Kein Lebenszeichen oder irgendeine Spur, die verraten hätte, wo du hin bist, oder was aus dir geworden ist. Sie haben nach dir gesucht, sogar die örtliche Polizei, aber ohne Erfolg. Das Haus war immer noch auf deine Mutter eingetragen, ebenso wie dein Name im Melderegister auf diese Adresse lautete. Jeden Tag habe ich am Ikuta Schrein für dich gebetet, dass du wieder zu mir zurück kommst. Bitte Hime! Das musst du mir glauben!”
Schluchzen. Wieder liefen Tränen, nur dass es diesmal nicht ihr eigenes Gesicht war, über das sie herabkullerten.
Erst jetzt wurde ihr bewusst, was sie mit dem Versprechen, das sie damals von Rurika verlangte, angerichtet hatte. Das hübsche Antlitz wirkte irgendwie gealtert und Rurikas Augen hatten einen leblosen Ausdruck angenommen. Nichts war mehr von dem Glanz zu sehen, der sie einst beherrscht hatte.
“Ich glaube dir, Rurika“, sagte sie und kämpfte mit dem Wunsch, einfach all ihr Leid hinauszuschreien, während nun auch dicke Tränen über ihre Wangen liefen.
“Du lebst, Hime! Das ist mehr, als ich noch zu hoffen gewagt hätte. Es ist vorbei.” Rurikas Stimme war tränenerstickt.
Nein, dachte Hime. Es würde niemals vorbei sein. Vielleicht würden ihre kleinen Seelen vernarben, wenn die Jahre über sie hinweg gezogen waren, nur heilen würden sie nie. Bilder der schrecklichen Ereignisse zogen an ihr vorbei, wie aus einem bösen Traum und immer noch konnte sie nicht glauben, dass sie nun neben Rurika saß, ihre Wärme spürte und ihre wunderbare Stimme hörte, die sie so sehr vermisst hatte.
Ihre Freundin lehnte sich wieder an sie und flüsterte ihr zu. “Was hast du?”
Wortlos schaute Hime nach draußen, während sie Rurikas Hand umklammerte als wolle sie ihre Finger niemals wieder loslassen. Ich habe überlebt, dachte sie überglücklich … ich habe wirklich überlebt!

Ende

( Meiner lieben Freundin Yuko gewidmet. )
 
Zuletzt bearbeitet:

Hime

Active member
#3
Hallo

Nun gut, dann eben mit Trigger. Wenn die Geschichte nicht einwandfrei wäre, hätte ich sie nicht hier reingestellt. Du kennst meine Art zu schreiben, siehe Reisebericht der dir gefallen hat, oder jemand anderen die Seelenschwestern. Das ist oftmals real life, bzw. fließt immer etwas von mir mit ein.
Letztendlich kann ich dir nicht allein hier das Feld überlassen und möchte einmal meine Art zu schreiben darstellen.
Am besten den Text selber lesen, verstehen und dann beurteilen. Damit wäre schon viel gewonnen.

Grüße,

Hime
 

ShiaLuna

Administrator
Staff member
#4
Aufjedenfall schwere Kost....teilweise hatte ich beim lesen das Gefühl es schnürrt mir die Luft ab, machte mich traurig und wütend. Zumal verstehe ich das Verhältnis von Mutter und Shiro nicht. Ich mein, es ist doch offensichtlich gewesen wie er Hime behandelt hat und sie schaut weg und stimmt noch zu. Stand sie selber unter Drogen? So einen Säufer lässt man doch nicht in Haus und lässt ihn auch noch die Tochter anfassen. Und wie bedrohend er geredet hat am Anfang....da schrillen doch alle Alarmglocken....eigentlich. Macht mich immernoch wütend....
 

Alice

The Element of Wisdom
Staff member
#5
So einen Säufer lässt man doch nicht in Haus und lässt ihn auch noch die Tochter anfassen.
Das Verhalten ist gar nicht so ungewöhnlich. Wird "Co-Abhängigkeit" genannt: Der Partner eines abhängigen Menschen legt zerstörerisches Verhalten an den Tag, um die Beziehung/Familie nach außen abzuschirmen und macht dadurch nach innen alles nur schlimmer. Kommt leider öfter vor als du glaubst.
 

Hime

Active member
#6
Hallo ihr Lieben


Aufjedenfall schwere Kost....teilweise hatte ich beim lesen das Gefühl es schnürrt mir die Luft ab, machte mich traurig und wütend.
Anfangs habe ich überlegt, ob die Geschichte nicht zuviel preisgibt. Immerhin beinhaltet sie sehr private Dinge. Andererseits hat ein schlauer Mensch mal gesagt, dass ein Autor über das schreiben sollte, was er kennt oder noch besser, selbst erlebt hat. Das würde immer die besten Geschichten ergeben.

Wie recht er doch hatte … .


Menschen sind manchmal seltsame Geschöpfe. Sie leben in ihrer heilen Welt, wohl wissend, dass es da noch eine andere, finstere Seite gibt. Manchmal, wenn sie den Nervenkitzel suchen, öffnen sie diese Tür von der sie wissen, dass sie ihnen verboten ist. Sie schauen hinein und blicken in einen Abgrund, solange bis ihnen ein wohliger Schauer über den Rücken rinnt. Dann schließen sie diese Tür wieder und kehren in ihre Welt zurück. Das Kind aus der Geschichte kann dass nicht. Es hat lange gesucht und sich danach gesehnt. Nach einer Mutter die es in die Arme nimmt, oder der Vater, welcher von der Arbeit kommt und die stürmische Begrüßung liebevoll erwidert. Nichts von dem hat es gefunden. Es ist eine Wanderin zwischen den Welten, immer auf der Suche nach Antworten, die es niemals erhalten wird.

Zumal verstehe ich das Verhältnis von Mutter und Shiro nicht.
Ich kann dir die Frage nicht beantworten. Verstanden habe ich es selbst nie so richtig. Bis heute habe ich keine Erklärung für ihr Verhalten. Was Alice geschrieben hat trifft durchaus zu, auch wenn es nur die halbe Wahrheit sein mag.
Den einen Abend haben sie sich furchtbar gestritten, den nächsten wieder in trauter Zweisamkeit um die Wette getrunken. Sie war ihm in gewisser Weise hörig, sonst hätte sie ihm die rote Karte zeigen können, oder den Laufpass geben. Furcht wird auch im Spiel gewesen sein, denn die musstest du vor ihm haben. Er hat mir mehrmals angedroht mich totzuschlagen und ich war nie sicher wie weit er gehen würde, wenn er sich betrunken hat.
So gesehen steckt in dem Schluss-Satz der Geschichte, ein Körnchen Wahrheit.

Ich habe meine Erzeuger so dargestellt, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Deswegen auch die Person von Shiro. In ihn konnte ich alles böse projizieren.
Wie anders war da der Vater meiner Freundin. Sicher, er war ebenfalls sehr streng und hat seinen drei Mädchen nichts durchgehen lassen. Aber nie war er dabei gemein oder bösartig. Es war halt die Familienstruktur und die ist in einer japanischen Familie immer noch ein bisserl anders.
Allerdings habe ich nie erlebt dass er seine Töchter geschlagen hat. Sogar als ich mal was angestellt hatte, hat er mich nur getadelt, aber nicht angerührt. Auch war danach die Sache für ihn erledigt.
Wenn es morgens zur Schule ging hat die Mutter allen beim rausgehen über die Köpfe gestreichelt. Das hat mich tief bewegt. Überhaupt ihre ganze Art. Ich war nicht ihr Kind, trotzdem haben sie mich überallhin mitgenommen, auf Ausflügen für meine Verpflegung gesorgt und viel mit mir gemacht. Nicht so wie meine eigenen. Gut, ich war mit ihrer großen Tochter eng befreundet, denoch hätten sie es nicht tun müssen.

Das sich niemand gegen meinen Erzeuger gestellt hat, lag wohl daran, dass er ein hohes Tier war und leider Hochintelligent. Seine Noten waren in jedem Fach 1. Das Abitur hat er mir ständig vor Augen gehalten, wenn ich in einem Fach nicht die bestmögliche Leistung erreichte und mich dann verdroschen. So gesehen hat es für mich alles noch viel schlimmer gemacht. Er genoss es seine Macht auszuspielen und andere Menschen zu erniedrigen. Durch seine Neigungen und vor allem den Alkohol ging die Fahrt irgendwann rasant nach unten. Erst wurde er versetzt, dann mussten wir immer wieder umziehen, bis ich wortwörtlich in der Gosse gelandet bin.

Aber weißt du was das gute daran ist? Von dort unten kann dich jeder Schritt nach vorne nur voran bringen und es waren schrecklich viele, beschwerliche Schritte, bis zu meiner Lütten, dem Haus und den Dolls.

Liebe Grüße,

Hime
 

Hime

Active member
#8
Hallo Yuna

Deine Rückmeldung ist das größte Geschenk für mich. Es zeigt dass es mir gelungen ist, alle Gefühle und Emotionen auf dich zu übertragen. Klingt vielleicht komisch, aber etwas schöneres kann man sich beim schreiben einfach nicht wünschen.

Sicher war es nicht leicht, weil es im Grunde sehr privat ist. Deswegen bin ich doppelt froh, das der Balanceakt geglückt ist.

Liebe Grüße,

Hime
 
#9
Danke Hime, es freut mich das meine Worte dich freuen und stärken. Die Hand voll die hier aktiv sind mir sehr wichtig. Es ist nicht nur ein asiandollsforum sondern wir teilen hier auch Emotionen und Erlebnisse das freut nicht hier sehr. Und würde mir fehlen wenn es nicht da wäre.
 
Top