Briefe aus Tokyo

Alice

The Element of Wisdom
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#1
Im März 2012 war ich auf Urlaub in Tokyo und der Umgebung, und meine 28cm Obitsu Umeko war mit von der Partie. Dies ist ihr Reisebericht, den sie an ihre daheim gebliebene Freundin Minako geschickt hat.

Tokyo, den 8. März 2012​

Liebe Minako,

ich weiß, dass diese Zeilen dich zu einer ungewöhnlichen Zeit erreichen werden, doch ist es so, dass es dort, wo ich nun bin, bereits halb neun am Abend ist. Ich habe mittlerweile den Verdacht, dass du gewusst haben musst, wo die Reise für mich hingehen wird, als Herrin mich vor zwei Tagen in ihrer Tasche verstaute. Die Überraschung war für mich perfekt, als ich schließlich am Frankfurter Flughafen aus der Tasche entlassen wurde und einen Blick auf eine Maschine der JAL werfen durfte.

(Leider war es schon dunkel, darum ist das Bild nicht so gut geworden.)

Nach einem zwölfstündigen Flug, einer problemlosen Zollabwicklung (Herrin hatte heimlich meinen japanischen Reisepass verlängert) und einer einstündigen Zugfahrt kamen wir gestern müde im Hotel an. Weißt du, dass man von unserem Hotel aus den Tokyo Tower sieht? Natürlich weißt du das. Du und Herrin habt euch gegen mich verschworen.

Für knapp über 1 Euro kann man den ganzen Tag kreuz und quer durch Tokyo fahren – wenn man an der Haltestelle aussteigt, bis zu der man bezahlt hat.

Herrins erster Kontakt mit der fremden Währung. So viele Nullen allein auf den Münzen!

Unser Ziel an unserem ersten richtigen, dem heutigen Tage, war jedoch nicht Tokyo Tower, sondern der Meiji Jingu in Harajuku. Cosplayer waren weit und breit nicht zu sehen, dafür war es wohl zu kalt. Für mich war ohnehin der Tempel und der zugehörige Garten viel wichtiger.

Das Torii an der Harajuku Station begrenzt das südliche Ende des Meiji Jingu.

Sehnsucht – und der erste Kontakt seit vielen Jahren mit meiner Heimat.

Meine rituelle Waschung an Kyomasas Brunnen, um meinen Ahnen den Respekt zu erweisen.

Das Tee-Haus im Zentrum des Parks, in dem regelmäßig Tee-Zeremonien stattfinden. Leider war es geschlossen, und so konnte ich nicht ausprobieren, ob ich sie noch beherrsche.
Im Heiligtum des Tempels waren wir nicht, da Herrin sich nicht respektlos verhalten und Fehler bei der Reinigung machen wollte. Vermutlich ist der Ablauf für sie wirklich zu kompliziert. Die äußeren Tempelanlagen haben wir aber angesehen.

Durch dieses Tor betritt man den eigentlichen Tempel. Das Heiligtum ist innerhalb dieser Mauern.

Blick aus respektvoller Distanz auf das Heiligtum. Nach der Waschung wirft man eine Münze in die Kästen, verbeugt sich, klatscht in die Hände und richtet seinen Wunsch an die Götter.

Nach dem Besuch im Tempel gingen Herrin und ihre Reisebegleitung mit mir weiter nach Shinjuku, einem der bunten Einkaufszentren in Tokyo.

Das nördliche Torii bildet die Grenze zwischen dem Park des Tempels und dem lärmenden nimmermüden Shinjuku. Im richtigen Winkel kann man durch das Tor hindurch die Skyline sehen.

Hier ist immer Betrieb, und dies ist nur ein kurzer Blick auf das Treiben in Shinjuku, aufgenommen von einer Fußgängerbrücke nahe Shinjuku Station.

Shinjuku ist laut und bunt und voller enger Straßen mit zahllosen Lokalen, Spielhallen und Geschäften. Es ist nicht wirklich einfach, hier Fotos zu machen, da man immerzu geschoben wird oder im Weg steht. Leider hatte das Geschäft, nach dem Herrins Reisebegleitung suchte, in den letzten Jahren wohl auch einem Animate Platz gemacht, und so setzten wir unsere Reise schnell nach Ochiai-minami-nagasaki fort, wo sich das Kato Hobby Center befindet. Angeblich handelt es sich hierbei um einen »Tempel« für Eisenbahn-Freaks - aber was weiß ich schon.

Das »Heiligtum« von außen.

Für Herrin war es letztendlich eher enttäuschend – es gibt wohl nicht wirklich etwas für ihre Eisenbahn dort. Dabei fällt mir ein: Während meiner Abwesenheit musst du ein Auge auf die Mini-As haben, sonst schnallen sie Mini-Anne wieder auf die Schienen!

Jedenfalls ging die Reise von dort zunächst nach Daimon und ins Hotel zurück, damit Herrins Reisebegleitung seine Beute abladen konnte, und danach machten wir uns, weil noch früher Nachmittag war, auf den Weg nach Shimbashi, um Ginza unsicher zu machen.

Auf der Plaza vor Shimbashi Station steht eine C11 Dampflokomotive. Und natürlich gibt’s bunte Werbung, wie überall in Tokyo.

Du kennst Herrin. Ohne mich geht nichts. Ohne Eisenbahnen aber auch nicht.

Direkt im ersten Laden erstand Herrin ein Andenken für Alita-sama, und dort an der Kasse erregte ich die Aufmerksamkeit der Verkäuferin, die Herrin darüber informierte, dass man eine große Puppenabteilung im Basement habe. Und das war nicht wirklich gelogen. Neben Barbies gab es dort Licca, Jenny, einige wenige BJDs und mehrere Schönheiten von Groove. Die älteste Pullip dort war Papin. Und im Eingang hing ein Poster von Groove mit Puppen, die Herrin und mir nicht direkt etwas sagten.
In Ginza blieben wir, bis die Sonne untergegangen war, und Herrin erwarb ihre obligatorische »Alice im Wunderland«-Ausgabe in der Landessprache für ihre Sammlung. Danach ging es im Dunkeln durch die hell erleuchtete und mit knallbunten Reklamen gesäumte Hauptstraße zurück zum Bahnhof und von dort mit der Yamanote nach Hause.



Ginza bei Dunkelheit…

…und milde Rush Hour auf der Yamanote. Die Züge waren allerdings erheblich voller als es auf diesem Foto scheint.

Liebe Minako, damit beende ich diesen Brief an dich von Herrins ersten Tag in Tokyo. Im Moment stehen sie und der Laptop noch im Kriegsfuß mit dem Stromnetz, und der Akku geht langsam zur Neige. Ich werde meine Beobachtungen weiter aufschreiben, und wenn es Herrin gelingt, ihr Notebook aufzuladen, werde ich dir morgen wieder schreiben. Die Überraschung, das sei dir gesagt, ist Herrin und dir in jedem Falle gelungen. Ich freue mich bereits darauf, am Wochenende den 1. Gedenktag an die Katastrophe von Fukushima begehen und mein Mitgefühl mit den Opfern angemessen zum Ausdruck bringen zu dürfen. Erwarte mehr Bilder und mehr Berichte aus Tokyo.

Sayonara!
Deine Umeko
 

Alice

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#2
Tokyo, den 9. März 2012​

Konban wa, Minako!

So einen Tag wie heute, den wünsche ich niemandem. Mein Aufenthalt zusammen mit Herrin in Tokyo hat heute durch eisigen Dauerregen einen heftigen Dämpfer erlitten. Dennoch will ich dir gerne von meinen heutigen Erlebnissen berichten - und davon, wie ich endlich zu einem neuen, sauberen Paar Hände kam.

Dass es von unserer Residenz bis zum Tokyo Tower nur ein Katzensprung ist, berichtete ich dir schon gestern. Im Schatten des Tokyo Towers liegt der Zojoji Tempel mit dem Friedhof für gestorbene Kinder. Da wir ohnehin auf den Tokyo Tower fahren wollten, aber noch etwas früh dran waren, bat ich Herrin darum, im Tempel meinen Respekt zeigen und für die verstorbenen Kinder beten zu dürfen. Natürlich erfüllte sie mir den Wunsch.

Der Eingang zum Gelände des Zojoji-Tempels. Das aus Beton rekonstruierte Toori liegt einige hundert Meter vorher mitten in Minato-ku.

Ein Detail am Eingangsportal.

Das Heiligtum des Zojoji Tempels, rechts im Hintergrund ist der Tokyo Tower zu sehen. Von hier wird an Silvester der Neujahres-Countdown aufgenommen und übertragen.

Besonders lagen mir natürlich die Seelen der Kinder am Herzen. Du musst wissen, der Glauben hier ist, dass die Reihenfolge beim Sterben einzuhalten ist: Zuerst sterben die Großeltern, dann die Eltern und schließlich die Kinder. Am Fluss der Unterwelt werden die Seelen der Kinder von ihren Eltern in Empfang genommen, aber wenn sie vorher sterben, dann ist dort niemand, der sie abholen kann.

Darum stellen Japaner diese kleinen Figuren als Schutzgeister für die Seelen ihrer verlorenen Kinder auf, damit diese sicher ins Jenseits gelangen. Das Windrad ist ein symbolisches Spielzeug, und die rote Mütze soll vor der Kälte des Winters schützen.

Im Anschluss an den Besuch im Zojoji Tempel ging es dann auf den Tokyo Tower, genau genommen auf die untere Aussichtsplattform in 150 Metern Höhe. Viel war allerdings nicht zu sehen; Tokyos Skyline versank in den dichten Wolken, die einen kleinen Vorgeschmack auf das boten, was uns heute noch widerfahren würde.





Ganz schön hoch!

Herrin fiel als Gaijin natürlich sofort auf, und sie wurde auch prompt von einem älteren Herrn hier aus dem Viertel angesprochen. Sie unterhielt sich eine Weile auf Englisch mit ihm, bis er sich schließlich verabschiedete. Reisen verbindet eben - und meine Heimat ist ein offenes Land.

Vom Tokyo Tower fuhren wir mit der Yamanote Linie bis ins Mekka aller Otaku weltweit: Akihabara!

Ja, es ist wirklich so bunt, wie sie es sich vorstellen.

Vier Figuren und ein Shop, die Akihabara auf den Radar westlicher Otaku brachten. Gemma!

In einem Laden kam auch Herrin endlich auf ihre Kosten. Nach dem Fiasko im Kato »Tempel« fand sie in Akihabara einen Laden, in dem eine ganze Etage Kleidung und Zubehör für uns gewidmet war. Außerdem gab es hier auch Figuren wie diese drei Göttinnen…

…und ja: Sie sind lebensgroß!

…eine gewaltige Auswahl an Groove-Schönheiten und natürlich: Puppen!

Ahnst du schon was, geliebte Minako?
Akihabara war für Herrin das Wunderland, das sie gesucht hatte. Welche Kleider kaufen? Welche Puppen adoptieren? Welche Schätze anhäufen? Vielleicht doch einen japanischen Eisenbahnzug gebraucht erstehen? Außerdem hielt sie immerzu die Augen offen nach Mitbringseln für ihre Freunde. Allzu fündig wurde sie allerdings nicht - nur für mich gab es aus dem offiziellen Azone-Laden ein neues Paar Hände.

Im Anschluss daran ging es in den Norden nach Asakusa und zum Asakusa Kannon Temple. Der Regen war inzwischen richtig furchtbar geworden, und so spannten Japaner wie Touristen - die es an diesem Ort wirklich zahlreich gibt - Schirme auf und sorgten dafür, dass die ohnehin engen Gassen auf dem Weg vom Torii zum Schrein zusätzlich verstopft wurden.

Das äußerste Portal des Asakusa Kannon Tempels. Dahinter liegt ein langgezogener Markt bis zum inneren Portal.

Das Heiligtum, von Touristen wie Japanern gleichermaßen überlaufen. Diesmal war Herrin auch im Heiligtum und hat es sich angesehen - fotografiert hat sie aus Respekt aber natürlich nicht.

Für die fünfstöckige Pagode ist der Asakusa Kannon Tempel berühmt.

Als wir mit dem Tempel fertig waren und völlig durchnässt an der Asakusa Station ankamen, war es gerade einmal 15 Uhr Ortszeit. Eigentlich hatten wir das Tagesprogramm abgeschlossen, aber es war noch viel zu früh, um ins Hotel zurück zu kehren. Leider lud das Wetter auch nicht wirklich zum Bummeln ein, zumal Herrin sich eine hässliche Blase gelaufen hatte. Also fuhren wir mit der Yurikamome-Hochbahn über die Rainbow Bridge bis Toyosu.

Wie du siehst: Es war ein furchtbares Schmuddelwetter. Aus dem Zug war es nicht möglich, Fotos zu machen.

Kaum zu glauben, dass Shijo-Mae und Shin-Toyosu künstlich aufgeschüttet wurden, um mehr Land zu haben.

Dieses Gebäude sollte jeder Otaku sofort erkennen: Die umgedrehten Pyramiden beherbergen das Tokyo International Exhibition Center, die Heimat der Comicet und des Tokyo International Anime Market.

Nach diesem anstrengenden Tag ließen Herrin und ihre Reisebegleitung sich vom Reigen des abendlichen Berufsverkehrs durch den Regen ins Hotel zurück treiben. Unser Abendessen bestand aus Ramen mit Schweinefleisch; der Regen hatte uns furchtbar hungrig gemacht.

Und für mich gab es zum Abschluss noch ein paar neuer Hände.

Liebe Minako, damit schließe ich für heute diesen Brief ab. Wir wissen noch nicht, was morgen anstehen wird; die weiteren Reisepunkte sind stark von einer Verbesserung des Wetters abhängig. Es zeichnet sich jedoch ab, dass Herrin möglicherweise eine langjährige Bekanntschaft aus Tokyo treffen wird. Und dann ist da noch eine andere Geschichte, die sich gerade ergibt - aber davon erzähle ich dir ein anderes Mal. Immerhin: Herrins Reisebegleitung hat einen Adapter für den Laptop gebastelt. So werde ich dir auch morgen wieder einen Brief schreiben können.

Sayonara
Deine Umeko
 

Alice

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#3
Tokyo, den 10. März 2012
Liebe Minako!

Stell dir vor, was über Nacht aus dem furchtbaren Eisregen geworden ist, der uns gestern den ganzen Tag gequält hat. Es hat geschneit! Und als Herrin zum Frühstück ging, taumelten immer noch dicke Flocken vom mit aschegrauen Wolken bedeckten Himmel. Natürlich blieb der Schnee nicht liegen, und am Boden war es einfach nur nass, zusätzlich zum ohnehin schneidenden Wind. Aber dennoch ist Schnee um Längen besser als Regen.

Heute war bei Herrin irgendwie der Wurm drin. Zusätzlich zu den schmerzenden Füßen und der Blase am Fuß wurde sie den gesamten Tag über von leichtem Unwohlsein geplagt. Wir hatten uns Ueno ins Programm geschrieben, um dort das National Museum of Nature and Science zu besuchen. Normalerweise kostet die Fahrt mit der Yamanote von Hamamatsucho nach Ueno 160 Yen und dauert sieben Stationen. Man kann allerdings auch - wie die eisenbahn-verrückten Menschlinge, an die ich gekettet bin - eine Weltreise durch Tokyo machen, indem man zunächst drei Stationen mit der Yamanote bis Tokyo fährt, dort in die Chuo-Linie umsteigt und in Shinjuku ein letztes Mal wechselt, um mit der Yamanote bis Ueno zu fahren. Und all das zu einem Preis, für den man in Deutschland nicht einmal eine Kurzstrecke bekäme.

Das Museum selber wirkte von außen unscheinbar, von innen zeigte es jedoch, was wirklich darin steckt.

Japanische Architektur wie in den schönsten europäischen Häusern.

Der vordere Bereich des Museums beherbergt neben einem umfangreich ausgestatteten Museumsshop, in dem man sogar Geräte für chemische Experimente, Astronautennahrung und Indikatorpapiere bekommt, mehrere Dauer-Ausstellungen, die sich insbesondere mit Japan beschäftigen: Geologische Entstehung, Entwicklung des japanischen Volks, Flora und Fauna der japanischen Inseln. Der Löwenanteil der Ausstellung befand sich jedoch in einem hinter dem Haupthaus gelegenen Anbau. Auf sechs Stockwerken führte das Museum hier von den Anfängen des Universums, den Grundbausteinen allen Lebens und den physikalischen Grundgrößen über die Evolution bis hin zu den modernen Errungenschaften der Menschheit.

Zum Glück basiert seine Wahrnehmung ausschließlich auf Bewegung. Und zum Glück ist er ziemlich tot.

Und auch der Rafflesia will man eigentlich nicht wirklich begegnen. Das sind »kleine« Stinker! (Und über einen halben Meter groß.)

Kleiner Jagdausflug in der biologischen Abteilung. Psst! Verscheuch das Wild nicht!

Sternzeichen Büffel oder: Auf Tuchfüllung mit dem inneren Hornochsen.

Krieg. Krieg bleibt immer gleich.

Mister Zulu, Energie!

Diese japanischen Verwandten von uns haben einen versteckten Mechanismus unter den Kleidern, der Kopf, Hände und Füße bewegt. Gruselig!

Das Museum war sehr anstrengend, und für eine Weile haderte Herrin mit sich, ob sie sich im Museums-Shop mit Glasschliffgeräten und fingergliedkleinen Mikroskopen eindecken sollte. Da jedoch Samstag ist, füllte sich das Museum langsam mit vielen Menschen und kleinen Kindern, und es wurde zunehmend wärmer, sodass Herrin und ihr Begleiter schnell das Weite suchten.

Nach einem Bummel durch den Rand von Ueno und einem aus einem der vielen Automaten gezogenen heißen Kakao ging es dann mit der Yamanote zurück nach Tokyo. Hier sollte ich dir vielleicht kurz erklären, dass es nicht nur den Großbezirk Tokyo, also die Stadt selber, gibt, sondern auch eine Station namens Tokyo mitten im Herzen der Stadt. Hier treffen sich viele der S-Bahnen und viele U-Bahn-Linien, und natürlich die Shinkansen.

Kein Wunder, dass Herrin so für Eisenbahnen schwärmt - hier in Tokyo kommt der Reigen der Züge einem riesigen Ballett aus Edelstahl gleich!

Unter Tokyo Station erstreckt sich auf drei Ebenen eine gewaltige Einkaufspassage, die viele große Einkaufszentren in Deutschland mit Leichtigkeit in den Schatten stellt. Herrin und ihr Freund gingen wieder auf die Jagd nach Mitbringseln für ihre Freunde, außerdem wurde es langsam Zeit für einen Imbiss. Leider dachte der Rest von Tokyo wohl ziemlich ähnlich, und so war es in der Passage stickig, heiß und laut. All das trug nicht gerade zu Herrins Wohlbefinden bei, und als sie an einem der zahlreichen Ausgänge beinahe das Bewusstsein verloren hätte, beschlossen die beiden Menschlinge klugerweise, Shopping Shopping sein zu lassen und ins Hotel zurück zu kehren, um die Wunden zu lecken.

Nach einer kurzen Erholungsphase machten die Menschlinge sich dann aber doch noch einmal auf den Weg, um in den vielen Gassen nach einem Lokal mit japanischer Küche zu suchen. Herrin hängt der ständige Fraß aus dem Kombini an der Ecke zum Hals raus, und sie droht mittlerweile wirklich mit Hungerstreik, musst du wissen! Und so kehrten die beiden schließlich (ohne mich) in einem Ramen-Restaurant unter dem World Trade Center Building von Minato ein. Herrins erste echte japanische Mahlzeit, nach drei Tagen! Ich erzähle dir später, wieso das so lange dauerte…

Der Gang zum Family Mart stand danach aber trotzdem noch an - schließlich will Herrin des Nachts ja nicht nur vom complimentary coffee leben, den das Hotel zur Verfügung stellt.

Welche Drogen dürfen es für dich sein, geliebte Minako? Pocky Erdbeere, Kitkat Green Tea oder Peach Flavoured Water?

Liebe Minako, damit schließe ich diesen Brief für heute. Bitte drücke uns die Daumen, dass das Wetter morgen mitspielt, denn dann wollen wir nach Kamagura und bis zum Pazifik fahren. Wenn es nicht allzu regnerisch und kühl ist, bieten sich dort sicher viele Möglichkeiten für Fotografien. Außerdem gibt es dort viele Tempel, um den Opfern der Tsunami-Katastrophe im letzten Jahr zu gedenken, deren Jahrestag Japan morgen begeht.

Ich wünsche dir eine gute Nacht und schreibe dir morgen wieder.

In Liebe
Umeko
 

Alice

The Element of Wisdom
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#4
Tokyo, den 11. März 2012
Konban-wa, Minako-chan! O-genki desu ka?

Heute war ein bedeutender Tag für Japan, denn heute vor einem Jahr veränderten der Tsunami und die Reaktor-Katastrophe von Fukushima die Leben vieler Millionen Japaner. Ein Gedenken an die Opfer war daher auch überall spürbar, und im Fernsehen gibt es schon den ganzen Tag Sondersendungen - aber du musst nicht glauben, dass das Herz dieser riesigen Metropole deswegen auch nur ein wenig langsamer schlagen würde!

Für Herrin und mich stand heute eine weitere Tour auf dem Plan, die uns bis zum Pazifik führen würde. Mit der Yamanote ging es zuerst bis Shinagawa, und von dort dann mit der Yokosuka Rapid Line über Yokohama bis nach Ofuna. Eines ist gewiss, liebe Minako: Japan hat ein Platzproblem. Nirgends ist dieser Umstand so sichtbar wie in den »Vororten«, die sich von Nishi-Oi bis weit hinter Yokohama spannen.

Über Ofuna thront eine aus weißem Beton bestehende Statue der Göttin Kuan Yin, die zum Ofuna Kannon Temple gehört.

Nach einer kurzen Unterbrechung brachte uns die Shonan Monorail weiter nach Enoshima an der Pazifikküste.

Auch das gehört zu Japan: Fahren mit der Monorail. Der öffentliche Nahverkehr nutzt hier jeden freien Platz, sowohl in die Tiefe als auch in den Himmel hinauf.

Densha Umeko meldet sich in Enoshima Terminal zum Dienst!

Neue Freunde an den Schranken der Enoshima Station.

In Enoshima hieß es ein letztes Mal, umzusteigen, dann brachten uns die Triebwagen der Enoden Line bis nach Kamakura-kokomae und damit bis hinan an den Pazifik. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich auch die letzten Wolken verzogen, und die Sonne brachte den Ozean zum Glitzern, während die Brandung auf den Strand auflief. Die ideale Gelegenheit also für Herrin, ihre innere Meerjungfrau heraus zu lassen.

Das kann schon was, das Meer.

Grüße vom Pazifik in die Heimat! Spürst du schon das Fernweh, liebe Minako?

Die Enoden Line brachte uns nach dieser kurzen Unterbrechung an der Küste entlang weiter bis Hase, wo wir die Fahrt erneut unterbrachen. Mittlerweile waren die Züge gut gefüllt; viele Japaner und auch Ausländer hatten sich auf den Weg gemacht, entweder um in Kamakura einkaufen zu gehen oder sich die vielen Tempel und Schreine entlang der Pazifikküste anzusehen. Unser erster Stopp war der Hase Temple, eine wunderschöne Anlage, die sich an die Berghänge schmiegt.

Dieses Tor führt auf das Gelände des Hase Temple.

Das Haupthaus mit dem Heiligtum überragt die kleine Stadt, wird aber selber von dem dahinter liegenden Gipfel überragt.

Der Hase Temple ist eine große Anlage mit wunderschönen Gärten, die zum Entspannen und In Sich Gehen einladen. Es gibt viele Möglichkeiten zur Inneren Einkehr, mehrere Schreine, eine Bücherei, eine Höhle mit Statuen für die Götter und einen Friedhof mit Totenstatuen.

In den Weihern schwimmen natürlich Koi. Da die aber keine kleinen Puppen essen sollen, musste Herrin mich festhalten.

Lange dauert es sicher nicht mehr bis Hanabi. Im warmen Pazifikklima blühen in Hase bereits die Kirschbäume.

Endlich kann ich für die Opfer der Katastrophe vor einem Jahr und ihre Angehörigen beten.

Ebenfalls oberhalb von Hase befindet sich der Daibutsu, der aus 121 Tonnen Bronze errichtet wurde. Der Daibutsu war früher Bestandteil einer größeren Tempel-Anlage, die jedoch mehrfach einstürzte und schließlich von einem Tsunami weggefegt wurde. Wenn du dir vor Augen hältst, dass die Statue gute zwei Kilometer ins Landesinnere und vielleicht 100 Meter über dem Meeresspiegel liegt, kannst du dir sicher vorstellen, welche Macht solch ein Tsunami entwickeln kann.

Dem Daibutsu konnten die Zeiten nicht viel anhaben - allerdings wurde er mittlerweile mit einem Korsett verstärkt.

Ein letztes Mal benutzten wir die Enoden Line, um die wenigen Haltestellen bis Kamakura zu fahren. Hier befindet sich neben einer Einkaufszeile (mit einem Ghibli Store, Geheimtipp für die Nerds) auch der Tsurugaoka Hachiman-gu Shrine. Ursprünglich gehörte dieser gar nicht hier her; als der ihm übergeordnete Clan jedoch in diese Region umzog, nahmen sie den Shrine kurzerhand mit.

Farbe und Architektur sind wirklich eine Augenweide und atemberaubend schön.

Vom Tempel-Hof führt eine lange Treppe zum eigentlichen Heiligtum hinauf.

Der Shrine ist heute eine Verschmelzung von modernem Tourismus-Ziel, in der die Miko die Gäste bewirten, und traditionellem Heiligtum des Shintoismus. Als wir auf dem Gelände des Shrines unterwegs waren, fand in einem Pavillon im Vorhof eine Shinto-Hochzeit statt, und die Touristen, die den Ort besuchten, konnten ungehindert bei der Zeremonie zusehen. Fotos hat Herrin davon aus Rücksicht natürlich keine gemacht; die jungen Eheleute saßen bereits hinreichend auf dem Präsentierteller.

Nach diesem anstrengenden Ausflug brachte uns die Yokosuka Rapid Line ins Herz von Tokyo zurück. Wir verließen den Zug an der Tokyo Station und liefen von dort zum Palast des Tenno, der im Zentrum der Metropole inmitten eines weitläufigen Areals voller Bäume gelegen ist.

Für den Publikumsverkehr ist der Palast allerdings gesperrt, sodass uns nur ein Blick aus der Ferne gewährt wird…

…und ein Spaziergang durch den öffentlichen Teil des Parkes am Fuß der Skyline.

Die Tokyo Station selber konnten wir heute nicht mehr besuchen, dabei handelt es sich dabei um einen schönen Bau, der von einem Holländer errichtet wurde. Man sieht ihm den europäischen Einfluss deutlich an, und überall im Bezirk finden sich in der Architektur Hinweise auf Einflussnahme der Europäer.

Dieses Haus schmiegt sich nahe der Tokyo Station in eine Nische zwischen modernen Wolkenkratzern.

Mittlerweile hatte sich der Himmel wieder zugezogen, und es wurde auch zunehmend kühler. Trotzdem machten Herrin und ihr Begleiter auf dem Rückweg ins Hotel einen Zwischenstopp in Ginza. Wusstest du, dass in Tokyo die Hauptstraßen der großen Shopping-Bezirke wie zum Beispiel Akihabara oder Ginza an Sonntagen für den Autoverkehr gesperrt und in Fußgängerzonen verwandelt werden, um all die Japaner aufnehmen zu können?

Kein Auto weit und breit - aber das heißt nicht, dass es ruhig wäre!

Nun gut, liebste Minako-chan. Es war ein anstrengender Tag, den Herrin und ich weitestgehend zu Fuß bewältigt haben. Wir sind erschöpft, und wir können noch lange nicht zur Ruhe kommen. Für morgen steht weiteres Shopping in Akihabara an. Dann wird Herrin sicher den Azone Store plündern. Ich kann dir nicht versprechen, dass es dann einen Bericht von mir gibt; Shopping ist traditionell eher langweilig aus der Ferne anzusehen. Wenn du jedoch willst, werde ich Herrin bitten, die Kamera und mich einzustecken.

Sayounara und schlafe gut!
Umeko
 

Alice

The Element of Wisdom
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#5
Tokyo, den 12. März 2012
Minako! Herrin ist völlig übergeschnappt! Du glaubst nicht, was sie heute umgetrieben hat! Die Göttin stehe uns bei! Sie… Nein, halt.

Bitte entschuldige, dass ich für einen Augenblick mein Decorum vergessen habe. Gib mir bitte einige Augenblicke, um durchzuatmen, und ich werde dir der Reihe nach berichten, was heute alles vorgefallen ist.

Unser Tag begann mit strahlendem Sonnenschein, und bis zur Dämmerung am Abend sollte uns klarer, blauer Himmel bei unseren kurzen Ausflügen begleiten. Aus diesem Grunde führte uns unsere erste Fahrt zunächst mit der Yamanote zur Tokyo Station und von dort weiter mit der Keiyo Line bis Kasai-rinkaikoen. Hier gibt es direkt an der Bucht einen kleinen Park namens Kansai Rinkai Park, den man in den 60ern angelegt hat, um die letzten Reste unberührter Küste in der Bucht zu erhalten.

Auf dem Bild ist es nicht zu sehen, aber es war so klar, dass wir von der Aussichtsplattform im Park die Gebirgslinie mit dem Fuji-san sehen konnten.

Wilde Katzen leben in dem Park, der mit kleinen Sportanlagen und einem Thermalbad für die Bevölkerung des nahen Stadtteils aufwartet. Am Strand selber fanden Bauarbeiten statt, um die Fahrrinnen vor dem Versanden zu schützen. Auch hier sind große Teile des Landes künstlich mithilfe von gomi angelegt worden.

Außerdem gibt es ein 111 Meter durchmessendes Riesenrad, das bei dieser Witterung einen großartigen Überblick über das Land bietet.

Die Station der JR East liegt zwischen den Fahrspuren des Express Highways und zwischen Kansai und dem Park.

Folgt man der Bahnlinie mit dem Blick nach Westen, sieht man, dass die Stadt keine zwei Kilometer entfernt ist.

Japaner lieben das Golfspielen. In Tokyo gibt es aber nur Platz für diese Anlagen, in denen viele Golfer gleichzeitig ihren Abschlag üben können.

Im Osten liegt das Meeresaquarium und dahinter, nahe Maihama, das Tokyo Disney Resort. Vom Bahnhof aus kann man die riesigen Hotelkomplexe und das Schloss im Magical Kingdom erkennen.

Über diese Brücke verkehrt die Keiyo Line und verbindet Kasai mit der Innenstadt.

Sobald der Boden uns wieder hatte, setzten wir unseren Fußweg durch den Park fort und kamen schließlich, nach zwei Stunden, wieder an der Bahnstation an. Nach einer kurzen Stärkung aus den unzähligen Automaten, die in Tokyo wirklich an jeder Straßenecke zu finden sind, ging es zurück nach Akihabara, um den zweiten großen Shopping-Tag zu beginnen. Dem schönen Wetter angemessen, herrschte in den Straßen von Electronic Town geschäftiges Treiben, und neben den Anpreisern der Maiden Cafés trieben sich auch vereinzelt Gothic Lolitas in den Straßen herum.

Leider besteht in den meisten Geschäften in Akihabara Fotografier-Verbot, und so kann ich dich auch nicht mit Bildern aus der Dollfie Dreams-Ausstellung versorgen, die wir in einem gut versteckten Ladenlokal entdeckten. Leider dienten die Räume tatsächlich nur der Ausstellung, und es gab nur einige wenige Ersatzteile und Kleidungsstücke. Mehr Zeit vorausgesetzt, hätte Herrin sicher eine Volks SD oder MSD vorbestellen können - aber das setzt nun einmal eine gewisse finanzielle Bonität voraus.

Immerhin jedoch habe ich auf Herrins Kamera noch drei Detailaufnahmen von den Gesichtern der lebensgroßen Göttinnen-Statuen gefunden. Vielleicht tröstet dich das ja ein wenig darüber hinweg, keine Dollfies zu sehen.





Nachdem Herrin und ihr Begleiter eine locker fünfstellige Summe in den Geschäften gelassen und auch eine winzige Fetishcosplay-Abteilung in einem siebenstöckigen Erotik-Geschäft voller Hentai, Sexspielzeug, Magazinen und Unterwäsche gefunden hatten, ging es mit dem Zug über Asakusa-bashi noch ein weiteres Mal nach Asakusa.

Von Asakusa kann man den neu errichteten Tokyo Tree Tower sehen, der Tokyo Tower in den Schatten stellen soll…

…sowie den »goldenen Scheißhaufen« auf dem Gebäude der Asahi Brauerei, der eigentlich eine Flamme oder ein Wassertropfen sein soll.

Diesmal besuchten Herrin und ihr Begleiter den Bazar, der zum Tempel führt, sowie die Einkaufsstraßen, um noch einige Andenken für Freunde zu finden. Asakusa ist im Vergleich zu den Kernbezirken regelrecht ruhig und klein und viele der Geschäfte werden von sehr alten, lange eingesessenen Japanern geführt. Früher war Asakusa ein bedeutendes Geiko-Viertel, und noch heute gibt es eine geringe Anzahl Geiko, die im Viertel aktiv sind. Leider war uns das Glück nicht hold, Mitglieder dieses sehr ehrenwerten Berufsstandes zu Gesicht zu bekommen.

An diesem Punkt hatten Herrin und ihr Begleiter mehrere Kilogramm an Andenken eingekauft und geschultert, und so beschlossen sie, zunächst mit der Asakusa Line bis Daimon zu fahren und die eingekauften Schätze ins Hotelzimmer zu bringen. Danach machten sie sich noch einmal auf die Jagd, um für ein kleines Abendessen zu sorgen, denn der Einkaufsbummel hatte sie redlich hungrig gemacht.

Da es bereits dämmerte, war Tokyo Tower hell erleuchtet und erstrahlte abwechseln in orangefarbenen und weißen Streifen.

Liebste Minako-chan, vermutlich brennst du nun bereits darauf, zu erfahren, welche Heldentat von Herrin mich dermaßen in Aufregung versetzen konnte. Nun, ich empfehle, dass du Marie und Suleika dazu anhältst, den Schreibtisch von Herrin etwas umzuräumen, denn wenn wir am Donnerstag zurückkehren, dann werden wir etwas Platz brauchen.

Ja, das ist, wonach es aussieht. Eine weitere Tüte mit Zubehör wartet ebenfalls darauf, ausgepackt und verwendet zu werden.

Liebe Minako-chan, ich werde an dieser Stelle schließen. Ich muss dich noch ein letztes Mal darum bitten, uns die Daumen zu drücken, dass das Wetter so angenehm bleibt wie es gegenwärtig ist. Morgen wollen wir zum Mitake-san fahren und uns den Berg und die Gegend darum herum ansehen. Ich bin sicher, dass es dort wieder einiges zu entdecken gibt.

Schlaf gut, geliebte Minako-chan.
Deine Umeko
 

Alice

The Element of Wisdom
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#6
Tokyo, den 14. März 2012
Liebe Minako!

Bitte entschuldige, dass ich gestern keine Zeit gefunden habe, dir einen Brief nach Hause zu senden. Der gestrige Tag war sehr anstrengend, und Herrin muss sich etwas überanstrengt haben, denn sie klage den ganzen Abend über Kopfschmerzen und Unwohlsein und schlief in der Nacht sehr unruhig. Der heutige Tag war dann angefüllt mit einer letzten Shopping-Tour, von der ich dir allerdings keine Fotos zeigen kann. Ich bin mir sicher, dass dich die immer gleichen Straßenzüge in Ginza, Akihabara und Shinjuku ohnehin langsam langweilen.

Vom gestrigen Tag jedoch will ich dir gerne berichten. Auch wenn wir vor zwei Tagen den Fujisan vom Riesenrad aus sehen konnten, so sind wir dennoch nicht dorthin gefahren. Zum einen liegt der Berg gute 200 Kilometer von Tokyo entfernt und ist damit in realistischer Zeit nur mit dem Schnellzug oder dem Auto zu erreichen, zum anderen darf man auf dem Berg normalerweise nicht wandern, da er für den Publikumsverkehr gesperrt ist.

Stattdessen sind wir in aller Früh mit der Chuo Line nach Mitake aufgebrochen, um rund um den Mitakesan zu wandern.

Um diese Uhrzeit ist in Daimon immer viel Betrieb - hier der Blick von der Bahnstation Hamamatsucho in Richtung Tokyo Tower und Zojoji Shrine.

Zu bestimmten Zeiten sind komplette Waggons auf der Chuo Line für Frauen reserviert, weil es immer wieder zu Belästigungen kam.

Die Fahrt nach Mitake dauert gut und gerne anderthalb bis zwei Stunden, und man fährt tunlichst nicht in der Rush Hour, damit man nicht die ganze Zeit stehen muss. Über die gesamte Strecke hinweg gibt es nur sehr wenige Punkte, wo die Region um die Bahnlinie nicht besiedelt ist, und das Land ist unglaublich flach. Das letzte Stück fährt die Chuo Line nicht mit 11 Waggons, sondern »nur« mit vier Wagen.

Von der gewaltigen Tokyo Station mit ihren beinahe 30 Gleisen bleibt in Mitake nur noch eine eingleisige Strecke übrig.

Mitake selber ist eine winzige Siedlung am Fuße des Mitakesan. Der Berg ist ungefähr 930 Meter hoch, und auf seiner Spitze gibt es einen Schrein, eine noch viel winzigere Ansammlung von Häusern, einen Steingarten, mehrere Wasserfall-Kaskaden und sehr viel Nichts.

Die Landschaft ist traumhaft. An der Palme siehst du, dass wir hier ungefähr auf der Höhe von Italien oder Spanien sind. Barbara-sama würde es hier sicher gut gefallen.

Eine Standseilbahn überbrückt den steilsten Streckenabschnitt, aber von der Mitake Station bis zur Talstation dieser Seilbahn sind es etwa zwei Kilometer. Für Japaner und Touristen (derer es scheinbar nicht so viele gibt) verkehrt zwischen diesen Stationen ein Bus. Herrin und ihr Begleiter sind die Strecke aber natürlich zu Fuß gegangen und wurden dafür mit wunderschönen Landschaften belohnt.

Der Fluss unter dieser Brücke führt vom Staudamm zu einem Wasserkraftwerk.

Der ruhigere Wanderweg führt über diese Brücke - der Bus muss natürlich der Hauptstraße folgen.

Große Teile des Weges führen an der Straße entlang - woran man sieht, dass es nicht viele Deppen gibt, die diesen Weg zu Fuß bewältigen.

Abseits der Straße gibt es aber immer wieder schöne, ruhige Nischen zum Durchatmen, denn die Straße hat hier eine Steigung von 15%.

Der Fluss ist ein ständiger Begleiter den Berg hinauf. Er verläuft beiderseits der Straße, aber es gibt auch trocken gefallene Zuflüsse.

Nach ungefähr zwei Stunden Kletterei wie die Gemsen erreichten wir die Bergstation. Die Standseilbahn braucht ungefähr sechs Minuten für die Fahrt. Es gibt zwei Wagen, die über ein Seil verbunden sind. Fährt der eine hinauf, muss der andere herunter fahren. Darum ist die Strecke in der Mitte zweigleisig, sodass die Wagen aneinander vorbei können.

Ganz schön steil. Hoffentlich hält das Seil!

Der Ausblick entschädigt für jede Mühen. Bei diesem Wetter kann man in der Ferne sogar die Wolkenkratzer von Tokyo erkennen!

Ein Torii kündet davon, dass wir uns wieder einem Schrein nähern.

Die Hänge sind bewaldet, und von der Mitake Station aus kann man sehen, dass hier Holzschlag betrieben wird.

Dieses alte Haus steht auf dem Weg zum Gipfel am Wegesrand.

Entlang dem Weg zum Gipfel hat die Touristik-Behörde diese hübschen, laminierten Nachschlagewerke aufgestellt, in denen man die Vögel der Region nachschlagen kann.

Vielleicht 20 Meter unterhalb des Gipfels gibt es eine winzige Siedlung mit einer klitzekleinen Einkaufspassage - sofern die vier Geschäfte diesen Namen überhaupt verdienen. Diese Siedlung ist auch der Grund, wieso alle Wege asphaltiert sind: Nur so kommen die Lastwagen und Motorroller den Berg hinauf und nur so lässt sich der Schnee, der hier immer noch liegt, problemlos räumen.

Direkt hinter der Siedlung liegt der Zugang zum Schrein mit dem Reinigungsbrunnen und dem Torii.

Ja, hier oben, auf 900 Metern Höhe gibt es noch Schnee! Dieser Schneeball hier ist für Herrin reserviert, damit sie nicht noch mehr Geld ausgibt.

Der Schnee war dann letztendlich auch der Grund, wieso wir nicht zum Steingarten und zu den Wasserfällen gelangen konnten. Hier sind die Wege nicht geräumt, und über einer dünnen Schlammschicht machte sich eine tückische Schicht aus Schnee und Eis breit. Es wäre einfach zu gefährlich gewesen, hier oben weiter zu gehen und sich möglicherweise fernab jeder Zivilisation zu verletzen!

Liebe Minako, ich muss an dieser Stelle leider unterbrechen - Japan wird gerade von einem Erdbeben getroffen! Für die nördlichen Küstengebiete wurde eine Tsunami-Warnung ausgerufen. Wir beobachten die Situation im Fernsehen; es scheint sich hier im Süden aber nur um einen kleinen Rumpler mit Mag 3 gehandelt zu haben. Ich halte dich auf jeden Fall auf dem Laufenden, ich denke aber, dass die Nacht ruhig bleibt und dass wir morgen früh wie vorgesehen in Narita starten werden. Ich freue mich schon auf daheim.

In Liebe
Umeko
Umeko und ich kehrten am 15. März 2012 gesund und munter aus Japan zurück. Das Beben, von dem Umeko spricht, war ein kleines Mag 6 vor der Küste Japans; in Tokyo kam davon nur noch Mag 3.6 an. Das Land kehrte schon in der Nacht wieder zum normalen Betrieb zurück, und am kommenden Tag konnten wir planmäßig aus Narita starten.
 

Alice

The Element of Wisdom
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#7
Anfang November 2015 verschlug es Lutz und mich zum zweiten Mal nach Tokyo. Im Gepäck hatte ich eine nagelneue Digitalkamera - und meine beiden naseweisen 28cm Obitsus Umeko und Minako. Nach dem Interesse der alten Forenmitglieder an Umekos Briefen entschlossen sich die beiden, diesmal gemeinsam den Reisebericht zu schreiben. Viel Spaß!

Tokyo, den 2. November 2015​

Umeko: Es ist mal wieder so weit, lieber Leser. Herrin verschlägt es ein weiteres Mal zum Urlaub nach Japan, und erneut fällt mir die ehrenvolle Aufgabe zu, den Reisebericht für ihr Tagebuch zu schreiben.

Minako: Aber diesmal hat die alte Langweilerin Verstärkung dabei, nämlich von mir!

Umeko: Ja, Minako, du leistest mir diesmal Gesellschaft, wenn Herrin mich erneut spannende Abenteuer im fernen Tokyo erleben lässt. Wobei man sagen muss, dass du ziemlich ungeduldig warst. Geduld ist eine Tugend, Minako!

Minako: Der CheckIn hat aber auch ewig gedauert! In so eine kleine Puppe wie mich passt eben nur ein kleines Bisschen Geduld. Aber mal ehrlich…

Minako: …der Sonnenaufgang über Sibirien war’s echt wert. Auch wenn wir in dieser fliegenden Konservendose bei all den Turbulenzen kaum Schlaf bekommen haben.

Umeko: In Tokyo selber warst du dann aber sehr still. Im Schnellzug von Narita International ins Zentrum Tokyos hast du die ganze Zeit an der Scheibe geklebt und keinen Pieps gesagt.

Minako: Ja, die Reizüberflutung hat mich ziemlich erschlagen. Hier ist aber auch alles so bunt, und es glitzert und klimpert und woaaah!

Umeko: Minato-ku war jedenfalls noch so, wie ich es in Erinnerung hatte.

Minako: Und mit der Sicht auf den Tokyo Tower hast du letztes Mal nicht übertrieben. Der ist wirklich nur einen Katzensprung vom Hotel entfernt.

Umeko: Und die Sicht vom Tower hinunter in der Stadt erst, nicht wahr?







Minako: Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir wirklich hier sind, Ume-chan.

Umeko: Glaub es ruhig, Minako. In den kommenden zehn Tagen wird all das da unten uns gehören.
 

Alice

The Element of Wisdom
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#8
Tokyo, den 3. November 2015​

Umeko: Konban wa, liebe Mitlesende…

Minako: …und natürlich auch von mir ein herzliches Hallo an alle, die unsere Erlebnisse verfolgen!

Umeko: Ehe wir anfangen, muss ich mal eben zweierlei loswerden. Erstens ist unser heutiger Bericht sehr bildlastig, also seht es uns nach, wenn das Laden ein wenig dauert. Und leider gibt es von uns auch eher wenig zu sehen, aber ich denke, die meisten von Euch sind vor allem wegen der Bilder aus Japan hier. Und zweitens…

Umeko: …muss ich mal sagen, dass Herrins SUICA wirklich eine tolle Sache ist. Wer öfter nach London fährt, kennt das Prinzip von der Oyster Card: Es ist eine Prepaid Debit Card, mit der man die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, in vielen Kombinis bezahlen und fast aus allen Automaten Getränke ziehen kann. Das reduziert den Bedarf an Kleingeld und ist superpraktisch.

Minako: Und wo geht’s heute hin mit dieser tollen SUICA und… warte, ich hab’s schon. Der Zug hat einen hellgrünen Streifen, also ist das die Yamanote, richtig?

Umeko: Richtig. Und wir fahren nach Ueno ins Museum.

Minako: Pööh. Museen sind doch langweilig.

Umeko: Dieses hat Dinosaurier.

Minako: Worauf wartest du noch! Lass uns endlich fahren!

Umeko: Na? Weißt du, was das heißt?

Minako: Dass wir in einer der führenden Walfangnationen unsere Planeten sind?

Umeko: Ich bin gerade sehr froh, dass die meisten hier uns nicht verstehen.

Minako: Ach komm schon. Wer zuletzt beim T-Rex ist, ist ein Slowpoke!

Umeko: Während Minako sich vom T-Rex verputzen lässt, erzähle ich Euch lieber ein bisschen was über die Ausstellung. Dieser Teil beschäftigt sich mit der Evolution, von den ersten Aminosäuren in der Ursuppe über die Explosion des Lebens im Meer, die Pflanzen, die Ammoniten und diese Trilobiten. Wenn man sich das in der richtigen Reihenfolge anschaut, muss man an den Anhängern der Schöpfungsmythen wirklich zweifeln… Jedenfalls wurde das Leben immer komplexer und komplexer, bis wir schließlich…

Umeko: …zu den Dinosauriern kommen, wie zum Beispiel dieses Prachtexemplar eines Triceratops. Das Foto vom T-Rex könnt Ihr in dem Bericht von 2012 sehen, zusammen mit weiteren interessanten Informationen über das Museum. Ich muss mal eben Minako einfangen - zum Glück ist sie zwischen all den kleinen Japaner-Kindern mit ihrem Blondschopf so auffällig wie eine lila Kuh auf der Alm.

Minako: Poah, ist das voll hier!

Umeko: Es ist Feiertag, und der Eintritt ist frei. Da bist du eben nicht das einzige kleine Kind, das Dinosaurier gucken will. Dabei wird es jetzt eigentlich erst richtig spannend, denn nachdem die Dinos verschwunden waren, war die Bühne frei für den Menschen!

Minako: Hallo, Lucy!

Umeko: Australopitecus. Mitglied der Familie der Hominiden und Urmutter der Menschheit. Vermutlich Jäger und Sammler, entwickelte sich dann aber weiter, schöpfte Kultur, zähmte das Feuer, entdeckte den Ackerbau und schließlich…

Umeko: …die Sesshaftigkeit. Von hier aus ging die Entwicklung dann rasend schnell.

Umeko: Wir vermaßen die Welt…

Umeko: …machten uns die Mechanik zunutze…

Umeko: …und entwickelten die Wissenschaftliche Methode, mit deren Hilfe wir die Geheimnisse unserer Welt systematisch entschlüsselten.

Minako: Das hier habe ich nicht verstanden.

Umeko: Das ist ein Foucaultsches Pendel. Mit ihm lässt sich die Erdrotation mithilfe der Corioliskraft…

Minako: Halthalthalt! Zu viele schwere Worte! Wer oder was verbirgt sich hinter dem japanischen »fuko«?

Umeko: Ach, Minako. Foucault war Franzose. Ich erkläre es dir später. Jetzt lass uns erst einmal die Menschheitsgeschichte weiter durchsprinten.

Umeko: Die Naturgesetze erschlossen uns die Geheimnisse der Mathematik und des Computers…

Umeko: …und ermöglichten uns den Flug zu den Sternen, aber auch eher obskure Entwicklungen, wie diese Postrakete.

Minako: Willst du mir erzählen, dass die Post mal versucht hat, Briefe mit Raketen zu befördern?

Umeko: Genau das.

Minako: In was für einer Welt lebe ich eigentlich, in der das keine erfolgreiche Entwicklung war? Was kam dazwischen? Das iPhone?

Umeko: Ich denke mal, die Leute waren einfach keine Fans davon, ihre Post explodieren zu sehen.

Umeko: Ganz daneben lagst du aber nicht, denn am Ende dieser langen Geschichte stehen wir, mit beiden Beinen fest verwurzelt im Informationszeitalter, in dem das Wissen der Menschheit nur einen Fingerzeig entfernt liegt.

Minako: Oder Katzenvideos. Apropos Katzen, da hinten sehe ich Tiere! Komm schon! Da wird’s endlich wieder spannend!

Minako: Die hier mag ich persönlich ja viel lieber als den ganzen technischen Kram.

Umeko: Ja, aber noch lieber wären sie mir auf einer Blumenwiese und ohne eine Nadel durch den Bauch.

Minako: Hmm… Ob wir es für Herrin mitnehmen sollen, als Plüschtier?

Umeko: Sie hat schon ein Zebra.

Minako: Man kann nie genug voodoo-zaubernde Zebras besitzen.

Umeko: Komm jetzt, sonst stelle ich dich zu der gruseligen mechanischen Puppe!

Minako: Tschüss, kleines Zebra! Es war schön bei… Ieps! Wolf! Aaaah! Frauen und Minakos zuerst!

Umeko: Minako, warte! Der ist doch ausgestopft!

Umeko: Und? Immer noch der Ansicht, dass Museen langweilig sind?

Minako: Okay, nicht alle, ich geb’s zu. Was machen wir jetzt?

Umeko: Wir nehmen die Yurikamome und fahren über die Rainbow Bridge hinüber nach Odaiba. Das Wetter brüllt nach Strand.

Minako: Man. Das ist schon echt verdammt schön hier. Und das Wetter ist Bombe.

Umeko: Stimmt. Da weiß man gar nicht, was man als nächstes angucken soll. Also, liebe Leser, Ihr entschuldigt uns beide. Wir müssen den nächsten Tag planen. Bis morgen und Sayonara!

Minako: Vielleicht hätten wir das Zebra ja doch…

Umeko: Ach, Minako…
 

Alice

The Element of Wisdom
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#9
Tokyo, den 4. November 2015​

Umeko: Konban wa, ihr Lieben! Ich grüße Euch zum Reisebericht unseres dritten Tages in Tokyo!

Minako: Sieht nicht so aus, als sei der letzte Bericht von vielen gelesen worden. Schade.

Umeko: Mach dir nichts daraus, Minako. Davon sollten wir uns den Tag nicht verderben lassen. Was hältst du davon, wenn wir zum Hinode Pier am Sumida hinunter gehen und die Sonne genießen, bis die Rush Hour durch ist und wir in den Zügen nicht mehr totgetrampelt werden?

Minako: Das Wetter ist soooo wundervoll! Wheee!

Umeko: Sei bitte vorsichtig, dass du nicht abstürzt!

Umeko: Das da hinten ist übrigens unser Ziel für den Tag: Sky Tree Tower in Asakusa.

Minako: Der sieht ganz schön gewaltig aus.

Umeko: Mhm. 600 Meter und ’n bisschen Kleingeld.

Minako: Und da willst du wirklich hinauf? Über einen halben Kilometer senkrecht nach oben?

Umeko: Keine Sorge, bis ganz oben kannst du ohnehin nicht, das ist nur die Antenne. Und die Lifts im Sky Tree bringen uns mit 70 Kilometern pro Stunde nach oben auf die Aussichtsplattform in 350 Metern Höhe, und bis auf etwas Druck auf den Ohren wirst du von der Fahrt nichts merken, so gut sind Beschleunigung und Bremsung ausbalanciert.

Minako: Und wieso sagt dieses niedliche Mskottchen dann, dass wir auf 450 Meter Höhe sind?

Umeko: Na, willst du nun Abenteuer erleben oder bei den anderen Anfängern auf der unteren Ebene bleiben?

Minako: Schau mal, eine alte Stadt!

Umeko: Das ist der Asakusa Kannon Tempel. Den besuchen wir gleich auch noch. Der Bazar auf der Zufahrtsstraße ist eine beliebte Touristenfalle, und vielleicht sehen wir ja sogar eine Geiko.

Minako: Ist das da hinten im Dunst der Tokyo Tower?

Umeko: Ganz genau. Dort drüben liegen Daimon und Minato-ku.

Minako: Der ist ja winzig im Vergleich zum Sky Tree.

Umeko: Von da drüben kannst du sogar den Fuji-san sehen. Leider ist der Dunst so dick, dass Herrins Kamera nicht damit zurecht kommt, sonst… Minako? Wo ist dieses Flausenhirn jetzt wieder hingerannt?

Minako: Tokyo erstreckt sich echt, soweit das Auge reicht. Da fühlt man sich total winzig.

Umeko: Das Schild hast du aber schon gelesen? Wir werden Ärger bekommen.

Minako: Mach dich nicht lächerlich, wir sind Puppen. Wenn hier einer Ärger kriegt, dann Herrin, und die hat den gaijin-Bonus.

Umeko: Wenn du dich satt gesehen hast, schlage ich vor, wir fahren zum Asakusa Kannon hinüber. Der ist auch eine Augenweide.

Minako: Du hast nicht übertrieben. Die Farben und all die Zierrat, das ist eine echte Augenweide.

Umeko: Warte, bis du die Pagode und das Heiligtum gesehen hast.

Minako: Wow. Mir fehlen echt die Worte. So viel Pracht für die Religion.

Umeko: Die Japaner haben eine interessante Einstellung zur Religion. Das meiste ist eine Mischung aus Buddhismus und Shintoismus, weswegen du überall auf dem Gelände des Asakusa Kannon Hakenkreuze finden wirst, die aber nichts mit irgendwelchen Nazis zu tun haben. Aber die Japaner bedienen sich auch in anderen Religionen, wenn sie etwas mögen. Zum Beispiel Weihnachten.

Minako: Da vorne brennt’s ja!

Umeko: Das ist ein Räucherbecken, neben dem Brunnen die zweite Form, sich - oder den Geist - für den Besuch im Tempel zu reinigen.

Minako: Das war erhellend und beeindruckend zugleich. Wie geht’s jetzt weiter?

Umeko: Wir nehmen den Bus zurück zur Hinode Pier.

Minako: Den Bus? Da ist es in dem Wetter total warm und stickig drin! Bitte tu mir das nicht an, dann lieber die Oedo-Linie der U-Bahn!

Umeko: Du solltest mich besser kennen, Minako. Ich rede von einem Wasser-Bus. Einem Schiff, das uns den Sumida hinunter bringen wird.

Minako: Tschüss, Asakusa. Tschüss, Sky Tree.

Minako: Aber sag mal, Umeko, was sind das eigentlich für Tore überall am Ufer?

Umeko: Das sind Tsunami-Schutztore. Sie können geschlossen werden, wenn ein Tsunami - zum Beispiel nach einem Seebeben - Wellen vom Pazifik in die Tokyoter Bucht hinauftreibt. Bis zu einer gewissen Höhe schützen sie das Land vor Überschwemmungen.

Minako: Die Gefahr ist hier immer präsent, oder?

Umeko: Jedes Kind weiß in Japan, was bei Erdbeben zu tun ist. Wenn so etwas passiert wie in Fukushima vor vier-einhalb Jahren, dann ist natürlich trotzdem jede Vorbereitung für die Katz.

Umeko: Trotzdem haben die Menschen schon ewig hier am Fluss gelebt, und sie werden es auch in Zukunft tun.

Umeko: So. Wir sind fast da. Das hier sind die Hochhäuser, die du heute früh von der Pier aus gesehen hast.

Minako: Den Zug kenne ich schon. Das ist die Yurikamome-Hochbahn nach Odaiba hinüber.

Umeko: Richtig. Bei diesem Wetter wird der Zug wieder rappelvoll sein. Na ja, bis Aomi halten wir schon durch.

Minako: Das Gebäude kenne ich auch. Das sind die umgedrehten Pyramiden des Tokyo Convention Centers.

Umeko: Stimmt. Als ich das letzte Mal hier war, hat es fürchterlich geschüttet. In dem Licht sieht das alles viel freundlicher aus. Aber da geht es heute nicht hin, wir sind hier für den Shopping-Distrikt, das Venus Fort.

Umeko: Kitsch as kitsch can…

Minako: Ich kann es einfach nicht abschütteln, Odaiba wirkt auf mich einfach zu gezwungen und künstlich.

Umeko: Damit bist du der Wahrheit schon recht nahe. Hier war nicht immer eine Insel mit einem Naherholungsgebiet. Das ganze Land wurde künstlich mit gomi aufgeschüttet, und dann hat man Hotels, Bürogebäude und Shopping Malls draufgepflanzt und alles mit Straßen und Zuglinien verbunden.

Minako: Gomi?

Umeko: Müll. Du stehst wortwörtlich auf dem Müll einer Metropole.

Minako: Herrin kann es nicht lassen…

Umeko: Trage es mit Fassung. LEGO ist überall auf der Welt gleich, wie McDonald’s. Sie wird schnell fertig sein.

Minako: Zum Glück hast du Recht behalten. Um nichts in der Welt will ich diesen Blick missen.

Minako: Ich bin echt echt echt froh, hier zu sein - mit dir.

Umeko: Du bist lieb, Minako…

Minako: Die Stadt hat uns wieder. Aus die trügerische Ruhe des Strandes von Odaiba.

Umeko: Wir haben noch ein bisschen Zeit, ehe wir zurück ins Hotel müssen. Hast du Lust, noch einen Bummel durch Ginza zu machen? Heute fährt die Yamanote hier aus Shimbashi alle drei Minuten, wir kommen also sicher wieder zurück.

Minako: Oh ja, lass uns shoppen, bis unsere Füße bluten!

Umeko: Ihr habt das Flausenhirn gehört, liebe Leser. Ich verabschiede mich von Euch und hänge mich an Minako, ehe sie in dem Trubel hier auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Wir sehen uns morgen wieder. Sayonara!
 

Alice

The Element of Wisdom
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#10
Tokyo, den 5. November 2015​

Umeko: Konban wa, liebe Leser! Es ist Tag 4 unseres Urlaubs in Japan, und das Wetter ist unverändert schön, also werden wir heute in die Berge fahren.

Minako: Wir haben uns schon einmal im Kombini mit Proviant eingedeckt und haben das erste Etappenziel unserer Reise mit der Yamanote erreicht: Tokyo Station. Wie geht’s jetzt weiter?

Umeko: Wir nehmen die Chuo Line bis nach Takao.

Minako: Sie hat einen orangefarbenen Streifen - da sollte sie wirklich Minako Line heißen! Na ja, man kann wohl nicht alles haben. Wie lange sind wir unterwegs?

Umeko: Eine knappe Stunde bis Takao und dann noch ein paar Minuten mit der Keio Line zum eigentlichen Wandergebiet auf dem Takao-san.

Minako: Ist das da ein Friedhof?

Umeko: Mhm, richtig erkannt. Das sind Grabpfeiler. Stelen.

Minako: Das ist hier richtig ländlich. Sollte man gar nicht glauben, nachdem die Chuo Line uns eine knappe Stunde durch irgendwelche Vororte gekutscht hat.

Umeko: Wenn du soweit bist, sollten wir los. Vor uns liegen knapp 600 Höhenmeter.

Minako: Ganz schön steil und eng.

Umeko: Ach, das geht noch alles. Weiter oben wird’s zu einem richtigen Hohlweg, da können kaum zwei schmale Leute nebeneinander stehen.

Minako: Eine Hängebrücke? Müssen wir wirklich da rüber? Ich hab Höhenangst, Ume-chan!

Umeko: Hier, ich helfe dir hinüber, nimm meine Hand. Und guck nicht nach unten, dann ist es nicht so schlimm.

Minako: Hier ist es echt unglaublich schön. Wäre es trotzdem okay, wenn wir von dieser Brücke runter kommen? Ich spüre meine Knie nicht mehr, und da geht es seeeehr weit hinab!

Minako: Gipfelstüüüürmer!

Umeko: Freu dich nicht zu früh. Wir haben gerade einmal die Hälfte geschafft, und vom Gipfel aus müssen wir auch noch bis zur Bergstation der Seilbahn hinabsteigen.

Minako: Yush! Gehen wir’s an!

Minako: Immerhin gibt es hier Treppen, das wird den Aufstieg vereinfachen.

Umeko: Das sind immer nur kurze Stücke. Weiter oben wird der Weg wieder schmaler. Aber vom Gipfel zur Bergstation ist der Weg dann etwas flacher und auch gangbarer.

Minako: Weißt du, dass »Yush« ein sehr seltsamer Laut ist? Aber ich kann verstehen, wieso die Japaner es beim Bergwandern so gerne sagen. Es wirkt irgendwie befreiend und gibt neue Energie.

Umeko: Barbara würde es hier sicher gefallen… Eto… Nein…

Minako: So. Bis hierher hab ich ungefähr elfunddrölfzig Mal »Konnichi wa« gesagt.

Umeko: So sind die Japaner beim Wandern eben. Rücksichtnahme ist auf den engen und gefährlichen Wegen eben sehr wichtig.

Minako: Manchmal übertreiben sie es aber schon. Wieso gibt es keine Floskel für »Es ist okay, machen Sie sich keine Gedanken, Sie haben mich nicht behindert«?

Umeko: Die Japaner sind - und das sage ich als Exil-Japanerin - höflich bis zur Selbstverleugnung.

Minako: Gipfelstürmer…?

Umeko: Ja, diesmal sind wir wirklich ganz oben, auf knapp 600 Metern Höhe. Der Takao-san kann den Tokyo Sky Tree nicht in den Schatten stellen, und der Mitake-san war auch höher.

Minako: Trotzdem, was für eine Aussicht.

Umeko: Abwärts nehmen wir die Standseilbahn. Dann sind es nur einige hundert Meter zu Fuß bis zur Bahnstation. Wie fit bist du noch?

Minako: Meine Füße schmerzen ein bisschen, aber es wird gehen, wenn wir mit Herrins Suica was zu trinken kaufen.

Umeko: Dann schlage ich vor, dass wir mit der Keio Line nach Shinjuku fahren und von dort mit der Yamanote nach Ikebukuro. Das sind beides ziemlich beliebte Shopping-Distrikte.

Minako: Das dürfte wohl am ehesten dem Bild entsprechen, das die Leute im Kopf haben, wenn sie an Japan denken.

Umeko: Shinjuku, Ikebukuro, Ginza oder Akihabara unterscheiden sich massiv in Aufbau und Auswahl der Geschäfte. Aber vermutlich hast du Recht, die meisten Menschen sehen bei »Tokyo« glitzernde Hochhäuser mit knallbunten Werbetafeln vor sich,die Straßen mit Menschen überlaufen.

Minako: In Shinjuku ging’s ja noch, aber hier in Ikebukuro herrscht schon ziemlicher Betrieb. Es scheint auch eher Richtung Akihabara zu tendieren, während Shinjuku der Ginza gleicht.

Umeko: Gut beobachtet. Jetzt lass uns aber ein paar Yen in die japanische Wirtschaft schießen, okay?

Minako: Jaaaa! Shopping!

Umeko: So, liebe Leser. Wir sind mittlerweile wieder in Daimon angekommen und in ein Ramen-Lokal eingekehrt. Wir werden den Tag jetzt mit einer riesigen Portion Udon Soba ausklingen lassen.

Minako: Itadakimasu!

Umeko: Dem kann ich mich nur anschließen. Itadakimasu und bis morgen!
 

Alice

The Element of Wisdom
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#11
Tokyo, den 6. November 2015​

Minako: Yamanote, Yamanote, bring mich quer durch Tokyo, und die Ume ebenso. ♫♪

Umeko: Konban wa, liebe Leser. Wie ihr hört, sind wir bereits auf der Reise zu unserem heutigen Ziel. In der Yamanote bleiben wir allerdings nur bis Shinagawa. Von dort aus nehmen wir die Yokosuka Line über Yokohama bis Ofuna.

Umeko: Über Ofuna thront die Göttin Kuan Yin in Form einer riesigen Betonstatue. Wer meine Briefe an Minako gelesen hat, erinnert sich vielleicht, dass ich damals von hier zuerst an den Pazifik gefahren und dann über Hase und Kamakura zurückgekehrt bin.

Minako: Hier ist es schon ziemlich ländlich, das muss man schon sagen. Aber sag mal, Ume-chan, von hier aus fahren zwei Linien bis nach Kamakura, wieso steigen wir hier aus?

Umeko: Weil wir als nächstes mit der Shonan Monorail fahren. Sie bringt uns hinunter nach Enoshima, und von dort nehmen wir die Enoden Line bis zum Pazifik.

Minako: Die nehmen meinen Pinguin gar nicht an.

Umeko: Hier sind nicht alle Stationen mit der notwendigen Technik ausgerüstet. Manchmal muss sich der Zugbegleiter um das Einsammeln der Fahrkarten kümmern. Daher kannst du Herrins SUICA nicht nutzen.

Minako: Schau, Ume-chan, das Meer! Komm schon!

Umeko: Renn nicht so, Minako! Du wirst noch stolpern und ins Wasser fallen!

Minako: Dort hinten im Dunst kann man, glaube ich, den Fuji-san erahnen.

Umeko: Gesehen hatten wir ihn ja schon vom Sky Tree Tower, aber Enoshima ist erheblich näher dran.

Minako: Schade, dass es so dunstig ist. Ich hoffe, die Kamera kann das Bild einigermaßen einfangen.

Minako: Wo sind wir jetzt?

Umeko: Das ist der Kodama Shrine auf Enoshima Island. Die Insel haben wir über die Brücke erreicht, aber sie war schon vor vielen hundert Jahren besiedelt.

Minako: Diese Szene kommt mir unglaublich bekannt vor.

Umeko: Das glaube ich dir gerne. Enoshima und die Pazfikküste hier in der Gegend sind der Schauplatz der Animeserie »Tari Tari«. Herrin hat die deutsche Ausgabe von Anime House zuhause stehen.

Minako: Diese Felsen und die Schluchten sind wirklich unglaublich.

Umeko: Der Pazifik und zahlreiche Tsunami haben diese Strukturen in Jahrtausenden aus dem Fels gewaschen. Dieser Teil der Enoshima Island gilt übrigens als Sammelpunkt im Falle eines Tsunamis, denn obwohl die Insel weit in die Bucht hinaus ragt, liegt ihre Spitze über 25 Meter über der Meeresoberfläche. Bei den meisten Tsunamis bleibt sie daher trocken und bietet Schutz.

Minako: Enoshima wäre dieses Glück vermutlich nicht beschieden. Ich habe überall in der Stadt Schilder gesehen, die die Höhe über dem Meer angeben und vor der Gefahr durch Tsunamis warnen.

Umeko: Einen höheren Punkt zu suchen, hat im Falle eines Tsunamis absolute Priorität. Du erinnerst dich ja sicher an die Bilder aus Fukushima von vor vier-einhalb Jahren.

Minako: Ich kann kaum glauben, dass das schon so lange her ist.

Umeko: Ja, es ist erstaunlich, wie sehr sich ein solches Ereignis in das kollektive Bewusstsein einer Gesellschaft gräbt.

Minako: Glücklicherweise hat sich die Region wieder erholt. Schau! Ein Schmetterling!

Umeko: Sind sie nicht herrlich frei und leicht, wenn man sie nicht mit einer Nadel hinter Glas festpinnt?

Minako: Die Natur hier ist wieder wunderschön, auch wenn ich immer ein wenig Angst habe, dass mich irgendein exotisches Insekt verspeisen will. Ich hab vorhin Hornissen gesehen, die doppelt so groß waren wie die in Europa.

Umeko: Üblicherweise lassen die meisten Tiere einen in Ruhe, auch wenn hier überall Warntafeln stehen, die auf die Falken hinweisen. Sag mal, wieso zappelst du plötzlich so?

Minako: Ich müsste mal all den Kakao aus den Automaten wieder wegbringen.

Umeko: Zum Glück gibt es fast überall in Japan kostenlose öffentliche Toiletten. Ich muss dich da allerdings hier auf dem Land möglicherweise auf eine Kleinigkeit vorbereiten…

Minako: Was zum…? Muss ich hier noch Zubehör erwerben und das Klo dann selber zusammenbauen?

Umeko: Ach, Minako, manchmal bist du herzerfrischend doitsu-gaijin. Das ist eine Hock-Toilette. Komm, ich erklär’s dir, ist gar nicht so schwer…

Umeko: Besser?

Minako: Ja, und schau! Neue Freunde habe ich auch schon gewonnen!

Umeko: Ja, mit diesen Vögeln habe ich mich letztes Mal auch schon angefreundet. Oh, hör, die Schranken gehen runter. Unser Zug kommt.

Minako: Das ist ja fast eine kleine Straßenbahn! Kein Vergleich mit den superlangen Zügen der Yamanote.

Umeko: Mit der Enoden Line fahren wir bis Kamakura-kokomae. Dort kann man zum Pazifik hinunter gehen. Auch das ist eine Szene, die man in »Tari Tari« sieht.

Minako: Da kann man schon irgendwie Fernweh kriegen.

Umeko: Dir ist schon bewusst, dass wir mehrere tausend Kilometer von Zuhause entfernt sind? Noch weiter weg geht eigentlich gar nicht mehr.

Minako: Gewaltig.

Umeko: Psst. Ruinier nicht den Augenblick.

Minako: Die wissen gar nicht, wie gut sie es haben, das hier jeden Tag erleben zu dürfen.

Umeko: Das sonderbare am Menschen ist, dass er immer das haben möchte, was er gerade nicht hat, und das, was er hat, nicht wertzuschätzen weiß. Komm jetzt, ich hör unseren Zug.

Minako: Ja ja, hetz mich nicht. Sag mir lieber, wie es jetzt weiter geht.

Umeko: Erst einmal mit der Enoden Line weiter nach Kamakura, von dort mit der Shonan Shinjuku Line bis Shinjuku, dann mit der Chuo Rapid Line bis Ochanomizu und zum Abschluss mit der Chuo Sobu Line.

Minako: Wir kommen ganz schön rum. Aber warte mal kurz…

Minako: …ich kann plötzlich meine Hände bewegen! Guck!

Umeko: Das ist kein Wunder, schließlich bringt uns die Chuo Sobu Line geradewegs nach…

Beide im Chor: Akihabara!

Umeko: Das hier ist Electro Town, das kulturelle Zentrum der Nerd-Kultur, in dem du eigentlich für so ziemlich jedes Hobby den richtigen Laden findest - und halt auch einen Azone-Store mit Händen für uns. Und dazwischen gibt es Pachinko-Hallen, Restaurants und natürlich die Maid Cafés.

Minako: Ja ja ja, das interessiert hier aber doch niemanden! Los doch, verabschiede dich von den Lesern, und dann lass uns shoppen gehen, bis Herrins Kreditkarte explodiert!

Umeko: Ihr habt das Flausenhirn gehört, liebe Leser. In den meisten Läden in Akihabara ist Fotografieren ohnehin verboten, also schließe ich unseren Tagesbericht an dieser Stelle. Bis morgen.

Minako: Nun komm schon, du Slowpoke! Ich will dahin zuerst! Oder da rüber? Oooh, das hier sieht auch spannend aus! Und siehst du die Maids? Wir werden…
 

Alice

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#12
Tokyo, den 7. November 2015​

Umeko: Konban wa, all ihr Leser da draußen! Minako und ich sind schon wieder unterwegs, diesmal mit der Keihin Tohoku Line nach Omiya.

Minako: Wie lange wird das ungefähr dauern?

Umeko: Oh, eine knappe Stunde werden wir an unser Ziel brauchen. Von Omiya nehmen wir noch das New Shuttle für eine Station.

Minako: So langsam kann ich keine Eisenbahnzüge mehr sehen. Ich glaube langsam, wir verbringen die Hälfte unseres Urlaubes auf der Schiene!

Umeko: Dann fürchte ich, dass du an unserem heutigen Ausflug nicht viel Freude haben wirst. Wir fahren nämlich in das Eisenbahn-Museum in Omiya.

Minako: Nicht schon wieder ein Museum. Haben die auch Dinosaurier?

Umeko: Nur wenn du Dampflokomotiven wie diese C57 als Dinosaurier der Schiene betrachtest. Im Einsatz war sie von 1937 bis 1953, und sie zog vor allem Personenzüge.

Minako: Dampflokomotiven haben wenigstens Charakter. Das Schnaufen, der Dampf, die Glocke und generell die ganze Optik - da glaubt man einfach, dass sie leben und atmen.

Umeko: Dann wird dir dieser Personenwagen des Fuji Express gefallen.

Minako: Ja, das war noch eine Reise in Stil. Guck dir nur mal all diese liebevollen Details und die warmen Farben an! Heutzutage wäre das eins-fix-drei von Vandalen zerlegt.

Umeko: Die EF58 war von 1946 bis 1984 als Schnellzug-Elektrolokomotive im Einsatz, und kurz vor der Gründung der JNR wurde sie auch vielfach als Güterzuglokomotive »missbraucht«. Diese hier wurde 2000 im neuen Farbschema blau und creme lackiert und erhielt ihre ursprünglich braune Farbgebung, als sie 2007 hier ins Museum kam.

Minako: Ich mag vor allem das Emblem vorne auf der Spitze.

Umeko: Das hatten viele Züge, wie zum Beispiel der Kassiopeia oder der Fuji, den wir gerade gesehen haben. Oben in der Ausstellung gibt es sogar ein Stirn-Emblem von Galaxy Express 999, obwohl das rein fiktiv ist.

Minako: Ich finde, es gibt Zügen einen Charakter und eine Geschichte. Und das mag ich einfach.

Umeko: Serie 181. Gebaut ab 1964, sind einige der späteren Revisionen noch heute im Personenverkehr im Einsatz.

Minako: Boah. Damit würde ich gerne mal fahren. Da triefen die 60er aus jeder Rundung dieser Nase.

Umeko: Ja, irgendwas haben diese alten Damen an sich, dass wir ihr Design heute als besonders gefällig empfinden. Vielleicht liegt es daran, dass mittlerweile fast alles gleich langweilig aussieht.

Umeko: Das gilt auch für das alte JNR-Logo. Das Logo der JR East ist zwar alles andere als schlecht, aber dieser metallische Schriftzug signalisiert einfach Geschwindigkeit und Transit auf dem Weg in eine mobile Zukunft.

Minako: Du solltest Werbetexte schreiben, Ume-chan.

Minako: Aber du hast natürlich recht. Als man noch nicht mit dem Flugzeug in wenigen Stunden von Hokkaido nach Honshu fliegen konnte, hatte die Eisenbahn einen anderen Stellenwert, und Reisen sollte komfortabel sein. Da war guter Stil einfach wichtig.

Umeko: Für Deutschland mag das stimmen. Aber überleg einmal, welchen Stellenwert zum Beispiel die Yamanote im Alltag des typischen Tokyoters einnimmt. Die S-Bahnen der JR East halten diese Metropole mobil, sie sind der Motor und das Herz Tokyos. Sicher, heute ist das alles funktionaler gehalten, aber die Technik und die Koordination dahinter sind viel wichtiger.

Minako: Die sieht optisch auch hübsch aus. Sie hat ein richtiges Stubsnäschen.

Umeko: Die EF66 wurde 1966 das erste Mal in Dienst gestellt und ist bis heute eines der Arbeitstiere im schnellen Güterverkehr. Heute hat sie oft ein Facelift bekommen und sieht ein bisschen anders aus, aber wie du so schön sagst: Dieses Exponat hat Charakter.

Minako: Ein Kühlwagen mit… einem Beamten-Abteil?

Umeko: Richtig. Solche Zugabteile waren am Zugschluss im Einsatz. Heute wird das meiste in Containern oder Kesselwagen verschickt, und der Computer übernimmt das Sichern des Zugschlusses. Aber du findest immer noch spezialisierte Waggons für Kühlfracht, Schüttgut, Tiere oder Autos. Japan hat sogar einen besonderen Typ Güterwaggon für den Transport von lebenden Fischen. Er enthält Wasserbecken, die von oben berieselt werden.

Minako: Die Nase erkenne ich. Das ist ein Shinkansen.

Umeko: Serie 200, genau gesagt. Es ist schon erstaunlich, dass diese Nase so eine ikonische Wirkung hat. So ziemlich jeder erkennt diesen Zug sofort, obwohl die Series 5, 6 und 7 des Shinkansen heute ganz anders aussehen. Solche kulturellen Besonderheiten und Ikonen faszinieren mich ungemein.

Minako: So. Genug der grauen Theorie. Jetzt will ich das selber probieren.

Umeko: Dieses Modell soll den Unterschied zwischen den einzelnen Schaltstufen verdeutlichen, insbesondere zwischen der Serien- und Parallelschaltung. Mit den modernen Superzügen hat das nicht mehr viel gemein, aber es gibt immer noch ältere Züge und Straßenbahnen, die solche Schaltwerke benutzen.

Minako: Das war gar nicht so langweilig wie ich es vermutet hatte. Wie geht’s jetzt aber weiter?

Umeko: Erst einmal mit dem New Shuttle zurück zur Bahnstation von Omiya und dann mit der Shonan Shinjuku Line runter nach Ikebukuro. Es wird langsam Zeit fürs Mittagessen.

Minako: Hmm… werden wir bedient oder müssen wir unser Essen selber zubereiten.

Umeko: Pack nicht auf die Platte, Schatz, die ist heiß. Das braucht man nämlich für die Spezialität dieses Ladens.

Minako: Das sind Okonomiyaki! Echte Okonomiyaki!

Umeko: Ich wusste, dass ich dir damit eine Freude machen kann. Als Nachtisch habe ich uns Mandelcreme mit Fruchtsirup bestellt. Die wirst du lieben.

Umeko: So. Wird Zeit fürs Finale. Ich schlage vor, dass wir mit der Yurakucho Line nach Ginza fahren und mit einem kleinen Shopping Trip zur Shimbashi Station den Tag ausklingen lassen.

Minako: Das klingt wie ein guter Plan. Oh. Oh oh! Ume-chan? Der Boden wackelt!

Umeko: Ein Erdbeben! Halt dich fest. Es scheint zum Glück nur ein kleiner Rumpler zu sein, aber jetzt keine Panik, klar? Wir schauen nachher, welche Stärke das hatte. Für heute verabschieden wir uns erst einmal von Euch, liebe Leser. Diese Situation ist jetzt wichtiger. Bis morgen! Minako?

Minako: Wääh! Ich zittere am ganzen Körper!

Umeko: Komm, ich beschütze dich. Also, sayonara!
 

Alice

The Element of Wisdom
Staff member
#13
Tokyo, den 8. November 2015​

Minako: Hallo, liebe Leser! Wir sind heute am siebten Tag unserer Reise schon wieder unterwegs.

Umeko: Ja, allzu viel Ruhe gönnen Herrin und ihr Begleiter sich nicht.

Minako: Leider ist das gute Wetter der letzten Tage heute wie vom Wetterbericht vorhergesagt umgeschlagen. Es regnet und ist bitterkalt. Darum werden wir heute ein paar Tausend Yen in die japanische Wirtschaft buttern. Ume-chan, wie heißt das Kaff, wo wir hinfahren?

Umeko: Die Station heißt Ochiai-minami-nagasaki, aber das Viertel gehört zu Shinjuku.

Minako: Shinjuku, na klar. Shinjuku sind Hochhäuser und glänzende Fassaden und Geschäfte.

Umeko: Das täuscht, Minako. Auch das hier ist Shinjuku, nur halt nicht die Glitzerwelt an der S-Bahn-Station, die man normalerweise zu sehen bekommt.

Minako: Und was treiben wir hier?

Umeko: Herrin und ihr Begleiter werden ins KATO Hobby Center gehen und Modelleisenbahnen kaufen, denke ich. Wir werden uns wohl besser ausklinken und erst in Akihabara wieder melden. In den meisten Geschäften darf man eh nicht fotografieren.

Minako: Kaum zu glauben, dass es uns gelungen ist, diesen Dollce-Store zu finden.

Umeko: Ja, der war wirklich gut versteckt. Er ist allerdings auch ziemlich winzig, vielleicht so groß wie ein kleiner Übersee-Container.

Minako: Na, wenn du dich da mal nicht verschätzt. Fotografieren verboten, nehme ich an?

Umeko: So ist das leider. Aber es gibt eine Ausnahme: Im Azone Store darf man die Ausstellungsvitrinen ohne Blitzlicht fotografieren. Also folgt jetzt ein Haufen Fotos von eben diesen Vitrinen. Viel Spaß, und wir sehen uns später wieder.










Umeko: Mittlerweile sind wir nach Daimon zurückgekehrt und haben uns bereits bei einer heißen Nudelsuppe gestärkt. Jetzt werden wir ins Hotel zurückkehren und unsere Füße ausruhen.

Minako: So schön der Tokyo Tower in den tiefhängenden Wolken auch aussieht, ich hoffe wirklich, dass das Wetter wieder aufklart.

Umeko: Schau doch schon einmal im TV, was für morgen angesagt ist.

Minako: Das kann ich sogar, die Schriftzeichen für Tokyo kenn ich nämlich mittlerweile. Das sind die beiden Pagoden, von denen die linke ein geschlossenes und die rechte ein offenes Fenster hat.

東京
Umeko: Du hast komische Umschreibungen, wirklich. Aha, es soll also 23 Grad geben und irgendwo zwischen Quellbewölkung und Schauern alles drin haben. Das könnte ungemütlich werden.

Minako: Schau, Herrin hat schon ihre Sachen für morgen rausgelegt. Denkst du, sie nimmt uns krumm, wenn wir damit ein bisschen spoilern, was unsere Pläne für morgen sind?

Umeko: Was sie nicht weiß… Aber nun gut, es wird ein anstrengender Tag, also lass uns hier mal schließen. Sayonara, minna, und bis morgen!

Minako: Ja, bis morgen! Wir freuen uns auf Eure Kommentare!
 

Alice

The Element of Wisdom
Staff member
#14
Tokyo, den 9. November 2015​

Umeko: Konban wa, minna! Schön, Euch alle wieder an Bord begrüßen zu dürfen, wenn wir den 8. Tag unseres Japan-Urlaubs in Angriff nehmen!

Minako: Auch von mir ein fröhliches Hallo! Heute geht’s ins Disney Resort Tokyo, richtig?

Umeko: Mit einem kleinen Umweg über Tokyo Station, wo wir in die Keiyo Line umsteigen, die uns nach Maihama bringen soll.

Minako: Es gibt, glaube ich, nur zwei Arten Menschen auf der Welt: Jene, die Disney lieben und jene, denen es eher egal ist. Zu welcher Gruppe gehörst du, Ume-chan?

Umeko: Ich habe keine sonderlich stark ausgeprägte Meinung über Disney, aber ich bin neugierig und glaube, dass du deinen Spaß haben wirst. Das reicht mir.

Umeko: Auch wenn es mir durch den amerikanischen Weihnachtskitsch wirklich schwerfällt.

Minako: Da wirst du nicht drum herum kommen, du Spaßbremse. In Disneyland beginnt heute nämlich die Weihnachts-Saison, und das heißt: Kitsch as kitsch can.

Umeko: Meinen Landsleuten scheint es wenigstens zu gefallen. Und vielleicht komme ich ja auch noch in Stimmung. Wohin also als erstes, Schatz?

Minako: Na, nach hinten aus der Main Street heraus…

Minako: …und einen Blick auf Cinderellas Schloss werfen! Es ist schließlich eines der ikonischen Gebäude Disneys.

Umeko: Der Himmel sieht ziemlich bedrohlich aus. Es ist zwar warm, aber ich hoffe wirklich, es bleibt auch trocken. Lass uns lieber losgehen.

Minako: Erster Halt: Adventureland!

Umeko: Und auch hier haben sie alles auf Weihnachten getrimmt. Das wird wirklich eine Geduldsprobe in Ruhe und Sanftmut für mich.

Minako: Ach, du kannst doch gar nicht böse werden. Guckie, da hat sich ein Stitch versteckt. Huhu, Stitch!

Umeko: Lass ihn bloß in Ruhe, sonst wirst du den nie wieder los.

Minako: Lass uns ein paar der Fahrgeschäfte nutzen, solange das Volk noch bei der Weihnachtsparade auf der Main Street ist.

Umeko: Einverstanden. Aber halt dich fest. Du weißt, dass Puppen nicht gut schwimmen!

Minako: Naaaaaaants ingonyama bagithi Baba!

Umeko: Der Fairness halber: Es ist von Disney. Sonst würde ich dich jetzt bremsen.

Minako: Spaßbremse!

Umeko: Entschuldige, für mich sind es eben die kleinen Details, die diesen Besuch ausmachen. Ist dir mal aufgefallen, wie genau hier alles geplant ist? Bei Odaiba hast du dich noch beschwert, es sei dir zu künstlich.

Minako: Im Gegensatz zu Odaiba vergisst du im Disneyland aber schnell, dass die Sachen bis ins kleinste Detail durchgeplant sind. Es wirkt einfach organisch.

Minako: Guck dir zum Beispiel das Baumhaus der Schweizer Robinsons an. Natürlich ist das komplett künstlich errichtet, du kannst das Plastik sogar fühlen. Aber es wirkt alles sehr stimmig, weil Leute daran gearbeitet haben, die eine Illusion verkaufen wollten.

Umeko: Minako, ich bin aufrichtig beeindruckt.

Umeko: Weihnachten macht scheint’s auch vor dem wilden Westen nicht halt.

Minako: Schade, dass Thunder Mountain und die Dampfeisenbahn gerade renoviert werden. Darauf hätte ich jetzt Lust, zumal man von der Eisenbahn echt was vom Park zu sehen kriegt.

Minako: Na gut, dann müssen wir wohl den Mississippi-Raddampfer aus Tom Sawyers Themenbereich nehmen. Das macht sicher auch Spaß.

Umeko: Schon wieder Wasser. Nun gut. Gehen wir es an.

Minako: Da hängen ja überall Rettungsringe, und du kannst auch keinen Schritt tun, ohne auf einen Park-Angestellten zu treten, also denke ich mal, wir werden es überleben.

Umeko: Endlich. Das Festland hat uns wieder.

Minako: Siehst du? Das war gar nicht so schlimm. Und zur Belohnung gehen wir jetzt in Cinderellas Schloss und gucken uns die Geschichte ihrer Inthronisation an.

Umeko: Auch hier sind die Details wunderschön. Diese Mosaike zum Beispiel sind unglaublich detailliert und erzählen Aschenputtels Geschichte.

Minako: Aschenputtel? Das heißt hier Cinderella, Ume-chan!

Umeko: Na gut, ehe die Disney-Polizei mich lyncht: Cinderella. Was ich sagen wollte: Weil ihr Schloss ohnehin ein künstliches Bauwerk ist, fällt nicht so ins Gewicht, dass auch das Design absolut künstlich ist. Anders als bei der Natur.

Minako: Mag schon sein, aber letztendlich geht man doch nicht ins Disneyland, weil man einen besonders schönen, natürlichen Park besuchen will.

Umeko: Wohl nicht, nein. So. Ruhe jetzt, wir werden gleich zur Königin vorgelassen.

Beide: Herrin?!

Minako: Ich bin grad unsicher, was das Protokoll verlangt: Müssen wir vor ihr knien?

Umeko: Ich hab noch nie aus freien Stücken vor ihr gekniet, ich fange sicher nicht heute damit an. Verschwinden wir lieber, ehe sie uns entdeckt.

Minako: Endlich draußen aus dem Schloss. Oha! Wir sind im Wunderland gelandet.

Umeko: Kein Wunder, dass Herrin auf dem Thron saß. Wenn man das japanische »Arisu« außer Acht lässt, dürfte sie heute die einzige hier im Park sein, die wirklich und wahrhaftig »Alice« heißt.

Minako: Ich kriege langsam Hunger. Können wir was essen?

Umeko: Wir können ja die freundliche Katze hier fragen. Die Wegweiser sind jedenfalls keine Hilfe.

Minako: Ob du mit der Katze wirklich so viel mehr Glück haben wirst?

Umeko: Siehst du, die Grinsekatz war doch wunderbar kooperativ.

Minako: Ich hoffe nur, sie erholt sich wieder von dem Judo-Griff, den du bei ihr angewandt hast.

Umeko: Das wird schon wieder. Iss lieber dein Dessert, das du unbedingt haben wolltest.

Minako: Ich finde ja super, dass man diese Tasse und den Kuchenteller als Andenken behalten darf und dass sie sogar Knackfolie bereithalten zum Einpacken. Das macht Disney aus.

Umeko: Schade. Es hat zu Regnen begonnen. Da müssen wir wohl die Zelte abbrechen hier im Wunderland.

Minako: Habe ich da eine Spur von Bedauern gehört in deiner Stimme? Ume-chan, hast du am Ende etwa Spaß gehabt mit all dem Glitzerkitsch?

Umeko: Nein, keinesfalls! Na gut, ein bisschen. Es ist aber auch schwer, sich diesem durchorganisierten Vergnügungs-Imperium zu entziehen. Vielleicht gucke ich sogar Mulan. Aber ein Fan werde ich eher nicht.

Minako: Das finden wir einen guten Anfang. Nicht wahr, Tinkerbell?

Umeko: Ach, Mina-chan. Es gibt so Tage, da hab ich dich echt sehr gern.

Minako: Sonst nicht so?

Umeko: Doch, sonst natürlich auch.

Minako: Endlich wieder im Hotel. Man, die Züge waren vielleicht voll, weg vom Park. Aber sag mal, hattest du auch den Eindruck, dass wir verfolgt werden?

Stitch: Meega, nala kwishta!

Beide im Chor: Aaaaaaaaaah!

Umeko: Gute Nacht, liebe Leser, und bis morgen! Halt ihn von der Kettensäge fern, Minako!
 

Alice

The Element of Wisdom
Staff member
#15
Tokyo, den 10. November 2015​

Stitch: Kleine Puppenmädchen packen, also Stich schreibt Bericht.

Umeko: Machst du das auch ordentlich, du Fellknäuel?

Stitch: Ha!

Umeko: Wehe, wenn nicht. Dann hetze ich das Tanuki auf dich.

Stitch: Ist Tempel in Wald.

Umeko: Wirklich? Das ist der Seishouji Tempel in Minato, vielleich einen halben Kilometer zu Fuß vom Hotel entfernt. Er liegt in der Nähe des NHK-Museums, das wir eigentlich besuchen wollten, leider hatte es aber wegen Renovierung geschlossen.

Stitch: Ha. Tempel.

Stitch: Ist Zug.

Minako: Das übernehme ich, kümmer du dich um die Disney-Becher, Ume-chan. Das ist die Ginza Line. Mit ihr sind wir vom Seishouji nach Ginza gefahren. Und ganz ehrlich, so langsam kann ich bei »Wetten, dass..?« mitmachen. Wetten, dass ich alle Stationen im Streckennetz Tokyos an der Musik erkenne, die gespielt wird, wenn sich die Türen schließen?

Stitch: Ha. Musik.

Umeko: Ich halte das nicht aus. Stitch, weiterpacken. Minako, Jacke, mitkommen. Wir gehen jetzt zum Kyu-shiba-rikyu Garten.

Minako: Ich kann einfach nicht glauben, dass dieser Garten nur einen Steinwurf von der S-Bahn-Station entfernt liegt, an der wir immer in die Yamanote einsteigen.

Umeko: Der Garten ist ein Kulturerbe und einer der ältesten noch erhaltenen Gärten, die in der Edo-Zeit einem daimyo, einem Fürsten gehörten.

Umeko: Er ist in verschiedene Themenbereiche unterteilt und wird im Zentrum vom Dai-Sensu dominiert, ein ungefähr 9.000 Quadratmeter großer künstlicher See, der damals eine Anbindung zum Meer hatte und darum den Gezeitenhub mitmachte.

Minako: Ja, nur heute ist das hier eindeutig Süßwasser, denn ich habe vorhin Koi gesehen. Die sind Süßwasserfische.

Umeko: Gar nicht schlecht, Minako. Du überraschst mich immer wieder. Komm, wir stellen uns eine Weile im Azumaya unter, bis der Regen ein wenig abgeebbt hat.

Minako: Weißt du eigentlich, wie sehr ich es an dir liebe, wenn du mir Sachen erklärst, ohne mich dabei wie ein kleines blondes Dummchen dastehen zu lassen? Du behandelst mich mit Respekt, das freut mich immer.

Umeko: Manchmal fällt mir das schon ein wenig schwer, muss ich gestehen. Aber weißt du, wie das Plüschviech sagen würde, du bist letztendlich immer noch ohana für mich. Und damit werde ich dich beschützen - wenn es sein muss, bis zum letzten Atemzug.

Minako: Das hast du schön gesagt, Ume-chan. Die Wortwahl macht mir zwar Angst, aber ich freue mich auch.

Minako: Du bist so still, Ume-chan.

Umeko: Ist schon in Ordnung, Minako. Mach dir keine Gedanken. Ich bin nur ein wenig nachdenklich.

Minako: Du wirst Japan vermissen, wenn wir wieder in Deutschland sind, nicht wahr? Weil es deine Heimat ist?

Umeko: …manchmal bist du einfach zu schlau.

Minako: Es wird schon dunkel, und der Regen hat nachgelassen.

Umeko: Ja. Der Park wird bald schließen. Lass uns aufbrechen.

Minako: Lass uns Udon Soba essen gehen. Ich lade dich ein. Was immer Stitch für ein Chaos angerichtet hat, wird nicht weglaufen.

Umeko: Einverstanden. Machen wir Schluss für heute. Ein letzter Tag verbleibt uns ja noch.

Minako: Also dann, liebe Leser. Hier gibt’s nichts mehr zu sehen. Den Abend wollen Ume-chan und ich für uns - Ihr versteht das sicher. Bis morgen!
 

Alice

The Element of Wisdom
Staff member
#16
Tokyo, den 11. November 2015​

Umeko: Konban wa, liebe Leser, und herzlich Willkommen zu unserem Reisebericht vom zehnten und letzten Tag aus Tokyo.

Minako: Ume-chan, sag doch bitte nicht so furchtbare Dinge. Sag mir lieber, womit wir uns heute von unserem Abschiedsschmerz ablenken.

Umeko: Also, wir werden sicher noch ein letztes Mal die Geschäfte unsicher machen und auch einen letzten Okonomiyaki essen gehen. Aber vorher steht eine Fahrt nach Ome an.

Minako: Wir sind hier so weit draußen, dass die Minako Line nur noch mit vier statt elf Waggons fährt. Also, was gibt es hier? Wandern wir?

Umeko: Gewandert bin ich hier vor drei Jahren tatsächtlich, rund um den Mitakesan. Aber heute geht es nur in ein weiteres Eisenbahn-Museum.

Minako: Das wirft zwei Fragen auf. Erstens, willst du mich verkohlen? Und zweitens, wie haben die komplette Züge diese Hügel hinauf bekommen? Gibt’s da einen Schienenanschluss?

Umeko: Zu deiner ersten Frage: Nein, das ist mein Ernst, aber es ist auch nur ein kleines Museum, wir sind vor allem wegen der Landschaft hier. Und zur zweiten Frage: Warte es ab.

Minako: Ist ja schon echt schön hier. Nicht ganz so einsam wie der Takao-san, aber auch kein Stadtgebiet. Aber selbst hier gibt’s Hochhäuser.

Umeko: Darum kommst du nicht herum. Japan ist ein kleines Land. Was denkst du, wieso sie mit gomi künstliche Inseln aufschütten. Oh! Gib auf die Spinne acht!

Minako: Verdammt, ist das ein riesiges Viech! Das Foto müssen wir aber hinter einen Spoiler packen.

Umeko: Ach was. Nur die Harten dürfen in den Garten.

Minako: Wenn es in dem Garten auch solche Monster gibt, verzichte ich dankend…

Umeko: Minako, du bist weiß wie die Wand. Hast du Arachnophobie?

Minako: Nein, geht schon, es ist nur… Ugh, zum Glück gibt’s auch schöne Blumen in diesem Land.

Umeko: Dieser Friedhof ist auch sehr hübsch. Schau nur, wie er sich in den Hang schmiegt und den Berg hinauf schwingt.

Minako: Das ist ziemlich faszinierend. Oh. Ich glaube, ich kann das Museum hören.

Umeko: Wie du siehst, gibt es hier vor allem Dampfrösser. Aber auch diesen Shinkansen hier, in den man rein darf.

Minako: Du schuldest mir aber immer noch eine Erklärung. Ich sehe hier nirgends einen Gleisanschluss. Also wie ist der Shinkansen auf den Berg gekommen?

Umeko: Die meisten Lokomotiven haben sie in Unterbau und Aufbau zerlegt und dann auf Sattelschleppern den Berg hinauf geschafft und mit Kränen zusammengesetzt. Beim Shinkansen war es etwas anders, da haben sie die Drehgestelle gelöst und den Wagenkasten auf Selbstfahrer gesetzt. Danach ist er selber den Berg hinauf gefahren und wurde hier auf die Drehgestelle zurückgehoben.

Minako: Okay, ich gebe zu, Ome war schön, aber das hier ist noch schöner. Ein torii, richtig?

Umeko: Ja, es gehört zum Meiji Jingu, einem Schrein in Harajuku. Wir sind gar nicht weit von der Brücke entfernt, auf der sich sonntags immer die Cosplayer tummeln. Aber es ist Mittwoch, also gehen wir lieber in den Schreingarten.

Umeko: Das ist das Teehaus, in dem immer noch gelegentlich Teezeremonien abgehalten werden. Aber heute ist es mal wieder geschlossen, wie es aussieht.

Minako: Schade. Das hätte ich mir zu gerne angesehen.

Minako: Aber die Seerosen sind wunderschön.

Umeko: Wir sind leider etwas zu spät gekommen. In diesem Garten gibt es einige Bereiche, die der Zucht seltener Pflanzen gewidmet sind. Ich wundere mich, dass wir überhaupt noch Seerosen zu sehen bekommen. Normalerweise sind sie im November bereits im Winterquartier.

Minako: Ich bekomme gerade ernsthafte Flashbacks zu Crimson Butterfly. Ein uralter Waldweg, ein abweisendes Hinweisschild und zwei Mädchen, die ganz alleine unterwegs sind, während es dämmert. Rieche nur ich ein Horror-Klischee?

Umeko: Der ganze Schreingarten ist voller Touristen aus aller Herren Länder, und im Schrein selber findet gerade eine Shinto-Hochzeit statt. Also ja: Ich fürchte, du bist die einzige, die das gruselig findet.

Umeko: Das ist Kiyomasas Brunnen. Du erinnerst dich sicher daran aus meinem letzten Bericht.

Minako: Unglaublich, wie klar das Wasser ist. Und auch hier hört man nichts mehr von der Stadt. Ohne die Touristen wären wir hier wirklich ganz alleine.

Umeko: Ich sage es ungerne, Minako, aber streng genommen bist auch du »nur« eine Touristin. Und sogar ich, meiner Wurzeln zum Trotze, bin nur als Touristin hier.

Minako: Das ist sie also? Die letzte Yamanote-Fahrt, die wir in diesem Urlaub hinter uns bringen werden?

Umeko: Ja. Aber sieh es doch auch mit einem lachenden Auge: Du hast unglaublich viel erlebt, um das dich viele Menschen beneiden werden. Ohne Herrin hättest du all das hier niemals gesehen. Das ist echt verdammt viel für zwei so kleine Puppen wie uns.

Minako: Apropos, was machen wir mit Herrin? Sie starrt schon eine ganze Weile nur auf den See.

Umeko: Geben wir ihr noch etwas Zeit. Bei unserem letzten Besuch hat sie ihr komplettes Leben überdacht. Dieses Mal wird Tokyo ähnliche Ergebnisse zeitigen. Aber das muss sie an diesem Punkt alleine lösen, da kann ihr niemand helfen.
Goodbye, farewell & amen. Es war schön hier.
 

Hime

Active member
#17
Hallo Alice

Oh schick, da sind sie ja wieder. Die neue Gestaltung mit der Aufklapp-Option gefällt mir sehr gut.(y)
Der Reise bericht hat über die Zeit nichts von seiner Faszination verloren. Ist schon ein aufregendes Land, wengleich es auch seine Schattenseiten besitzt. Jedenfalls um längen besser als z.B. ein Urlaub an der Nordsee.
Danke, dass du dir nochmal die Mühe gemacht hast.

Liebe Grüße,

Hime
 

ShiaLuna

Administrator
Staff member
#19
Deinen Bericht finde ich immernoch großartig :giggle: ein Freund von mir war kürzlich auch in Japan, Tokyo. Habe seine Live-Videos und Erzählungen immer mit Spannung gefolgt. irgendwann schaffe ich es auch mal dort hin :cool:
 
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